Am Ende der Geduld – am Rande des Wahnsinns

Geflüchtete in Griechenland
von Chrissi Wilkens und Salinia Stroux

In den frühen Morgenstunden des 27. März wurde im Wartebereich E3 des Hafens von Piräus der tote Körper eines jungen Mannes aus Syrien gefunden. Er hatte sich hinter einem Kiosk aufgehängt, um seinem Leid ein Ende zu setzen. An diesem Ort lebten noch vor über einem Jahr Tausende Geflüchtete in Zelten in der Hoffnung, weiter zu ziehen über die westliche Balkanroute an einen „besseren Ort“. Doch der kurzfristig geöffnete Korridor wurde geschlossen. Mit dem dreckigen Deal zwischen der EU und der Türkei vom 18. März 2016 manifestierte sich der Anfang einer neuen Ära des Gefangenseins innerhalb Griechenlands und des endlosen Wartens.
Nur ein paar Tage nach dem tragischen Vorfall in Piräus hat sich ein junger syrischer Flüchtling im Hot Spot auf Chios selbst angezündet. Der 29-Jährige erlag seinen Verletzungen nur ein paar Tage später in einem Athener Krankenhaus. „Immer wieder gibt es Meldungen über Selbstmordversuche von Flüchtlingen auf den Inseln oder dem Festland“, berichtet Yunus Mohammadi, Präsident des griechischen Flüchtlingsforums.
Derzeit leben nach offiziellen Angaben 62.018 Flüchtlinge in Griechenland in über 35 Lager. Die Mehrheit von ihnen will weiterziehen – meist in ein anderes EU-Land, in dem sie eher Chancen auf ein Leben in Menschenwürde haben. Doch sie leben in Griechenland wie in einem riesigen Gefängnis – in den Lagern auf den griechischen Inseln sogar unter Verhältnissen, die Papst Franziskus mit denen in „Konzentrationlagern“ verglichen hat. Die ausweglose Situation und die unerträglichen Bedingungen in vielen Massenlagern belasten die Geflüchteten, die schon durch ihre eigene Fluchtgeschichte traumatisiert sind.  Experten sprechen von einem neuen Trauma, das die Schutzsuchenden unter diesen Umständen erleben. Gleichzeitig scheinen psychologische Probleme chronisch zu werden, wie die Ärzte ohne Grenzen in den Massenlagern in Athen beobachten. Trotz der großen Summen, die für die Aufnahme und Versorgung von Geflüchteten nach Griechenland flossen, ist auch die materielle Situation in manchen Lagern katastrophal. Amnesty International forderte Ende März 2017 die sofortige Schließung der drei Lager in Elliniko, eines im alten Flughafengebäude von Athen und zwei in nahebei liegenden Sportstadien, wo manche Flüchtlinge schon seit über einem Jahr ausharren. Zu wenig Toiletten und Duschen, keine Privatsphäre, keine ausreichende medizinische Versorgung, keine adäquate Rechtshilfe und kein Gefühl der Sicherheit. „Ich habe Angst, abends alleine zur Toilette zu gehen. Die Situation ist sehr angespannt,“ sagt S., eine junge Mutter aus Afghanistan mit fünf Kindern, die schon seit mehreren Monaten in einem Zelt im Camp von Elliniko wohnt. Ihr Mann versucht zur Zeit über Patras nach Mitteleuropa zu gelangen, um seiner Familie von dort aus helfen zu können.
Fassungslos beobachten Helfer und Menschenrechtsorganisationen, wie die linksgerichtete Regierung von Alexis Tsipras unter dem Druck der anderen EU-Staaten zunehmend eine flüchtlingsfeindliche Politik umsetzt, die immer mehr auf Abschreckung und Haft zielt. Die sogenannte „freiwillige Rückführung“ wird nun für viele als die einzige Alternative dargestellt, wenn es keine rechtlichen Wege in den Norden gibt.
Besonders zynisch ist der neueste Plan der Regierung, diejenigen, deren Asylantrag in erster Instanz abgelehnt wurde und die in die zweite Instanz gehen,  vom  Programm der freiwilligen Rückkehr auszuschließen. Laut Migrationsminister Mouzalas ist dies ein Versuch, den  sogenannten Asylmissbrauch zu beenden. Beobachter schätzen, dass diese neue Politik,  die zum ersten Mal in einem EU- Land umgesetzt wird,  einen gefährlichen Präzedenzfall für andere Phasen des Asylverfahrens darstellen könnte. Aus offiziellen Zahlen geht derweil hervor, dass die meisten Geflüchteten in Griechenland aus Kriegs- und Konfliktregionen wie Syrien stammen, und dass ein sehr hoher Prozentteil von ihnen besonders schutzbedürftige Personen wie z.B. Minderjährige sind. Deren Asylanträge stiegen im Jahr 2016 auf 38 Prozent aller eingereichten Anträge. Die Situation für Flüchtlinge, die bereits in Griechenland Asylstatus bekommen haben, ist besonders prekär. Sie haben in der Theorie dieselben Rechten und Chancen wie griechische Bürger, sind aber de facto in besonderem Maß mit den Problemen der hohen Arbeitslosenrate und einer lang anhaltenden Wirtschafskrise konfrontiert. Eine Arbeit zu finden, ist fast unmöglich, insbesondere weil die meisten Anerkannten noch nicht die griechische Sprache beherrschen und es so gut wie keine Integrationsprogramme gibt. „Wir fragen überall nach Arbeit, aber es wird uns gesagt, es gäbe nichts“, sagt S., ein junger Familienvater aus Syrien, der im Lager Koutsochero in der Nähe der Stadt Larissa wohnt. Vor ein paar Tagen bekam er den Bescheid, dass er in Griechenland als Flüchtling anerkannt wurde und drei Jahre lang bleiben kann. Noch wird die Familie im Lager geduldet.  „Was passiert aber, wenn wir unsere Dokumente bekommen werden? Wir wissen dann nicht wohin. Wir verlieren unseren Verstand.“
Vor dem Büro des UN-Flüchtlingswerks in Athen sitzt derweil Anwar, ein anerkannter Flüchtling aus dem Iran, der schon wochenlang im Hungerstreik ist. In seinen kleinen Sommerzelt wartet er auf Hilfe. Der junge Iraner wurde im März 2015 als Flüchtling anerkannt. Wegen der schwierigen Situation in Griechenland hat er dann Schutz in Schweden gesucht. Als er den Behörden dort jedoch sagte, dass er in Griechenland anerkannt ist, haben sie ihn nach Griechenland zurückgeschickt. Der erschöpfte Mann will mit Europa nichts mehr zu tun haben und fordert vom UN-Flüchtlingsrat, ihm zu helfen, damit er in die USA oder nach Kanada umsiedeln kann. Das ist aber nur in seltenen Fällen möglich und nicht von Griechenland aus, so die Informationen aus dem UN-Flüchtlingsrat. „Mein Leben hier liegt auf Eis. Die haben mir Asyl gegeben und nennen es Schutz. Es ist ein gefälschter Schutz. Ich bin seit zweieinhalb Jahren in Europa und leide nur. Danke, ich will nichts mehr davon. Ich brauche einen legalen Weg, um Europa verlassen und mich irgendwo anders niederlassen zu können. Was soll ich sagen: Entschuldigen Sie, dass ich in ihrem Kontinent angekommen bin.“
Salinia Stroux (freie Journalistin und Ethnologin) und Chrissi Wilkens (freie Journalistin und Sozialwissenschaftlerin) arbeiten in Kooperation mit dem Refugee Support Aegean (RSA), einer griechischen Partnerorganisation von PRO ASYL. Sie sind zudem beide Mitbegründerinnen und Aktive im 2009 entstandenen Graswurzelprojekt Infomobile Griechenland / welcome to europe.