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FaktenCheck:CORONA 1

Rechte Hygiene-Demos

(ergänzt in der Neuauflage von FCC Nr.1)

von Joe Bauer

Auch wenn das Eingeständnis von Ratlosigkeit als Makel gilt, bin ich angesichts der „Hygiene“- und „Querdenken“-Aufmärsche mit Urteilen über die Teilnehmenden noch vorsichtig. Bei den Massentreffen in Stuttgart, der neuen Hauptstadt der Bewegung, traute ich oft meinen Augen nicht: Unter konträren Freak-Verbindungen mit Deutschland- und Pace-Fahnen verwirrt eine scheinbar banale Bio-Markt-Alltäglichkeit. Und so fürchte ich in diesem Kreuz und Quer zwischen Existenzangst-Erlöser und Impfstoff-Satan, dass jede Hoffnung auf ein baldiges Ende des Spuks eine Form von Dummheit wäre.

Gesichert ist, dass in Stuttgart neben dem umjubelten Querfront-Guru Ken Jebsen Völkische & Nazis mitmischen, nicht nur als Ordner. So verbreitete ein Stand des Magazins „Compact“ auf dem Rummelplatz Cannstatter Wasen rechtsextreme Propaganda. Zwar hatte sich der Querdenk-Manager Michael Ballweg bei seiner ersten Wasen-Demo auf Druck von links von faschistischem Gedankengut distanziert. Wenig später aber lud er neben rechten Putschpropheten auch den Arzt Wilfried Geissler ein: Der kandidierte 2019 bei Regionalwahlen für die AfD. So viel zur „Überparteilichkeit“ des Veranstalters.

Unterdessen will in Stuttgart ein aus kulturellen und politischen Kreisen formiertes Bündnis mit Aufklärung dagegenhalten. Das Bedürfnis nach präziser Information ist groß: Als das überschaubare Antifaschistische Bündnis Fakten über die rechtsextreme Instrumentalisierung des Corona-Protests ins Internet stellte, wurde die Seite sensationell oft mit Zustimmung verbreitet.

Gute Resonanz fand auch eine Aktion im Freien mit Gewerkschafts-, Bündnis- und Kulturleuten unter dem Titel „Solidarität. Freiheitsrechte. Klare Kante gegen rechts“. Das Engagement aus der Kunst hat Gründe: Die Corona-Krise bringt auch die prekäre Situation der Kulturschaffender ans Licht. Die existenzielle Betroffenheit wird praktische Folgen haben: Im Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Bündnisse und Institutionen müssen makellose Aufklärungs- und Aktionsformate gegen den gefährlich verqueren Stimmungsputsch entwickelt werden.

Joe Bauer lebt in Stuttgart; er ist gut geimpfter Kolumnist und Kulturschaffender

Wer fordert „Normalisierung“?

Derzeit erhalten Verschwörungstheoretiker neuen Zulauf. Siehe die Querfront-Demos für „Normalisierung“. Die Behauptung lautet: Hinter all dem stecke ein großer Plan. Verwiesen wird darauf, dass die WHO und die Johns Hopkins University von Bill Gates finanziert werde. Stimmt. Und die Rosa-Luxemburg-Stiftung finanziert sich überwiegend über die Zuwendungen der Bundesrepublik Deutschland. So what? All das muss bedacht sein. Doch es sagt an sich noch nichts aus über das Tun der derart Finanzierten. Im Übrigen machen in der aktuellen Krise auch Super-Reiche Super-Verluste. Warren Buffet oder Uber zum Beispiel. Da gibt es keinen großen Plan. Sondern eine große Krise und großes Chaos – auch bei den Herrschenden.

Wer, bitteschön , fordert heute weltweit „Normalisierung“? Es sind Rechtsausleger wie Jair Bolsonaro, Donald Trump, Boris Johnson, Mark Rutte, AfD-Gauland, ergänzt um reaktionäre Bischöfe und den Bundesverband der deutschen Industrie. In Italien trat der Industriellenverband Confindustria massiv für „Freizügigkeit“ ein. Dagegen gab es Streiks der Beschäftigten, die – mit Rücksicht auf ihr eigenes Leben – eine Ausweitung der Restriktionen auf die gesamte produktive Wirtschaft forderten.