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FaktenCheck:CORONA 2

Die Pandemie ist global. Sie trifft vor allem die Armen

Die Corona-Epidemie wütet nun vor allem in den Peripherie-Regionen

Christian Zeller

Abseits der medialen Öffentlichkeit frisst sich in vielen Ländern in Asien, Afrika und Lateinamerika das Corona-Virus durch die Bevölkerung und hat bereits Hundertausende von Menschen in den Tod gerissen.

Besonders stark betroffen sind die Menschen in Großstädten in Brasilien, Chile, Peru, Ecuador und Mexico. In Brasilien sind bis zum 25. Juni bereits 55.000 Menschen an Covid-19 gestorben. Eine besonders rasche Zunahme an Opfern verzeichnet Mexiko, wo bislang 25.000 Menschen dem Virus zum Opfer fielen. Ende Juni waren es täglich mehr als 700.

Dabei sind die offiziellen Zahlen hochgradig unzuverlässig. Die Testtätigkeit ist ungenügend und nur ein Bruchteil der an Covid-19 Verstorbenen wird erfasst. Die meisten Erkrankten suchen kein Krankenhaus auf. Viele sterben zu Hause. Die abrupt ansteigenden und weit überdurchschnittlichen Sterbefälle sowie die Massenbestattungen auf extra eingerichteten Friedhöfen in vielen Städten zeigen, dass die tatsächlichen Opferzahlen um ein Vielfaches höher sind als die Zahlen der Regierungen vermuten lassen.

Jair Bolsonaro, der rechtsextreme Präsident Brasiliens, beschönigt die Pandemie systematisch. Er verhöhnte jene, die vor der Gefahr des Corona-Virus warnten. Er fordert die Menschen dazu auf, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Mehrfach hielt er demonstrativ Großveranstaltungen mit seiner Anhängerschaft ab. Studien weisen darauf hin, dass bereits im April die Anzahl der Infizierten in Brasilien tatsächlich 15mal höher gewesen sei als von der Regierung ausgewiesen. (siehe ausführlich Seite 5). Auch Andrés Manuel López Obrador, der Mittelinks-Präsident Mexikos, verharmloste anfänglich die Pandemie, bisweilen mit absurder religiöser Rhetorik. Dann musste er doch Ausgangsbeschränkungen durchsetzen. Auch hier ergeben Datenanalysen, dass die Regierung die Ansteckungen und Todesfälle massiv untertreibt.

In vielen Metropolen Südamerikas brach die Gesundheitsinfrastruktur in den letzten Monaten unter dem Ansturm der erkrankten Menschen zusammen. Die Ärzte entscheiden, wer überhaupt noch in die Krankenhäuser aufgenommen und behandelt wird. Viele Regierungen verschlimmerten die Pandemie mit ihrer Kombination von unverantwortlichem Wegschauen und autoritärer Repression. Doch noch wichtiger sind die strukturellen Gegebenheiten in den allermeisten Ländern des globalen Südens.

Die meisten Menschen in Afrika, Lateinamerika, Asien und im Mittleren Osten erfahren die Ausbreitung der Covid-19-Erkrankungen als direkte Konsequenz einer globalen Ökonomie, die systematisch auf der Ausbeutung der billigen Arbeit der Menschen und dem Raubbau an der Natur im globalen Süden beruht. Die öffentlichen Gesundheitssysteme sind in den meisten abhängigen Ländern in einem schlechten Zustand. In den meisten Ländern fehlen die nötigen medizinischen Geräte. Die Behörden in vielen armen Ländern wissen nicht einmal, wie viele Intensivpflegeplätze vorhanden sind. Gemäß einer Studie verfügen mehr als 50 Prozent der armen Länder über keinerlei statistische Daten zur Ausstattung mit Intensivstationen. Entscheidend ist der bei der armen Bevölkerung weitverbreitete Mangel an grundlegenden Ressourcen wie sauberes Wasser, Nahrungsmittel und Strom und der fehlende oder eingeschränkte Zugang zu medizinischer Basisversorgung.

Die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen, die Armut und die Maßnahmen für die Gesundheit der Menschen beeinflussen sich gegenseitig. Für viele Menschen ist es unmöglich, sich selbst in den eigenen vier Wänden zu isolieren. In Ländern, in denen die Mehrheit der Arbeitskräfte informelle Arbeit leistet oder von ihren täglichen Löhnen lebt, ist es nicht möglich, sich einfach zu isolieren und zu Hause zu bleiben. Ausgangsbeschränkungen treffen die Menschen hart und existenziell. Ja, die Maßnahmen verschlimmern alle sozialen Probleme, die es ohnehin gibt.

Auf die informell Arbeitenden wirkt sich die Pandemie ganz besonders aus. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO warnt im ILO Monitor vor den weltweiten Konsequenzen der Pandemie: Der anhaltend starke Rückgang der Arbeitszeiten aufgrund des COVID-19-Ausbruchs bedeutet, dass 1,6 Milliarden Menschen in der informellen Wirtschaft – das ist fast die Hälfte der weltweiten Erwerbsbevölkerung – in unmittelbarer Gefahr sind, ihre Existenzgrundlage zu verlieren.

Viele informelle und prekäre Arbeitskräfte leben in Slums und in engen Wohnverhältnissen. Das sind ideale Voraussetzungen für die Ausbreitung von Viren. So leben mehr als 1,4 Millionen Menschen, fast ein Viertel der Bevölkerung von Rio de Janeiro, in einer Favela. Viele können es sich nicht leisten, die Arbeit auch nur einen Tag auszusetzen.

Die weltweite Ausbreitung der Covid-19 Erkrankungen hat in vielen Ländern weit zerstörerischere Wirkungen als beispielsweise in Deutschland. Die dramatische Ausweitung der Pandemie in Südamerika, aber auch in afrikanischen und asiatischen Großstädten, warnt uns eindringlich vor einer Entwicklung, die zur Auslöschung weiterer Hunderttausender oder gar Millionen, vor allem armer Menschen führen kann.

In den reichen Ländern haben wir wesentlich bessere Bedingungen, die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen als in den armen Ländern. Deshalb haben wir eine besondere Verantwortung, die Ausbreitung der Ansteckungen und Erkrankungen zu verhindern. Damit tragen wir auch dazu bei, dass wir die Gefahr für die Menschen im globalen Süden nicht noch zusätzlich verstärken. Zugleich ist es unsere Pflicht, den zahlreichen Bewegungen im globalen Süden beizustehen, die für demokratische und soziale Rechte kämpfen.

Christian Zeller lebt in Salzburg, ist aktiv bei Aufbruch für eine ökosozialistische Alternative und Mitverfasser des Buchs „Corona, Kapital und Krise“ (PapyRossa).


Seattle: Smells like collective spirit*

Claus Ludwig

In Seattle hat die Bewegung gegen Polizeigewalt in kurzer Zeit viel erreicht. Die reaktionäre „Polizeigewerkschaft” SPOG wurde aus dem lokalen Gewerkschaftsverband ausgeschlossen. In der Innenstadt gibt es seit dem 10. Juni eine selbstverwaltete Zone, die CHAZ (Capitol Hill Autonomous Zone) oder CHOP (Capitol Hill Organized Protest): Die Polizei hat keinen Zutritt. Hier organisieren die Menschen ihren Alltag selbst. In der Zone gibt es kulturelle und soziale Projekte, kostenlose Lebensmittelhilfe für Bedürftige und selbstorganisierte Sicherheit.

Über Stunden beschoss die Polizei eine friedliche Demonstration nach dem Mord an Georg Floyd mit Tränengas. Doch die Menschen hielten dagegen. Die Polizei musste ihr Revier im Osten der Innenstadt aufgeben. Demonstrierende errichteten Barrikaden und erklärten die Straßenzüge rund um die verlassene Polizeiwache zur befreiten Zone. Die sozialistische Stadträtin Kshama Sawant führte eine Demonstration von Tausenden zum Rathaus an und schloss ihnen die Tür auf, um gemeinsam Kürzungen bei der Polizei und die Freilassung der zuvor Festgenommenen zu fordern. Gewerkschaftsaktive trugen die Proteste in die Gewerkschaften. Kurz darauf wurde die SPOG aus dem Dachverband ausgeschlossen

Claus Ludwig lebt in Köln und ist aktiv in der SAV

*Etwa: „Es riecht nach Kollektiv-Geist“. Der Titel „Smells like teen sprit“ war ein Hit der Gruppe Nirwana