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FaktenCheck:CORONA 2

Made in China?

Seuchen und Kolonialismus

Angela Klein

The Chinese Virus“ nennt Donald Trump SARS CoV2 in seiner unnachahmlichen Präpotenz. Wie im Mittelalter sucht er den Feind nicht in der Krankheit, sondern dort, wo er den Sündenbock identifiziert hat. Der Spiegel hat es ihm nachgemacht mit einer Titelseite der Ausgabe 6/20, auf der ein in rotes Tuch vor gelbem Grund eingehüllter Mann mit Gasmaske zu sehen ist, darunter der Titel: „Made in China“.

Doch sie irren sich. Das Virus ist (vielleicht) chinesisch, nicht aber die Seuche. Seuchen sind seit langem globalisiert, und das nicht nur in dem Sinne, dass Viren immer schon gern mit Kaufleuten und Soldaten mitgereist sind. Seit Anbeginn der Neuzeit begleiten Seuchen die koloniale Expansion. Und Europa ist ihr größter Verursacher. Wie das?

Der erste der zahlreichen Völkermorde, deren sich die europäischen Kolonialmächte schuldig machten, geschah im 16. Jahrhundert an den Indianern Mittel- und Südamerikas. Zum Zeitpunkt der Reise des Kolumbus 1492 sollen Mexiko und Peru jeweils 30 Millionen Einwohner gezählt haben. Zwei Menschenalter später, 1568, war in Mexiko nur noch ein Zehntel davon übrig, der größte Teil kam dabei nicht durch Schwert und Gewehr um, sondern durch die Pocken. Die Seuche war im Zuge des Sklavenhandels 1518 nach Hispaniola (heute Kuba) eingeschleppt worden und tötete dort innerhalb von 45 Jahren 8 Millionen Menschen. Im Jahr 1520 gelangte sie in Begleitung eines Verstärkungstrupps zur Unterstützung des Eroberers Hernando Cortéz in die damalige Hauptstadt Mexikos, Tenochtitlán. Während die Weißen von der Krankheit verschont blieben, wurden die Truppen des Aztekenherrschers Montezuma dezimiert. Von Mexiko aus kam sie nach Guatemala und erreichte 1525, noch vor dem Eintreffen des Eroberers Pizarro, das Inkareich. Mehrere Inkaherrscher fielen ihr zum Opfer. In Peru sank die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner vom frühen 16. bis zum frühen 18. Jahrhundert auf rund eine Million.

Der Sklavenhandel war die Autobahn, die jahrhundertelang die Völker der Neuen Welt mit den Krankheiten der Alten Welt „versorgte“, Krankheiten, gegen die sie kein Immunsystem ausgebildet hatten. 1530 und 1531 brachten die Seefahrer die Masern nach Mexiko und Peru. 1546 folgte der Typhus. 1558 dann die Grippe. In Nordamerika waren es erst die Franzosen, dann die Engländer, die indianische Kulturen am Mississippi und in Kalifornien auslöschten. Nördlich von Mexiko gab es zu Kolumbus-Zeiten noch eine indianische Bevölkerung mit zehn Millionen Menschen. 1650 waren es noch 10 Prozent davon, knapp eine Million.

In gleicher Weise wurden riesige Landstriche Südamerikas entvölkert. Der Sklavenhandel hat Seuchen auch von Amerika zurück nach Afrika gebracht, wo solche nicht bekannt waren: Epidemisch tauchte etwa das Gelbfieber erstmals 1778 bei einem englischen Expeditionskorps im Senegal auf.

Der direkte Import war nicht der einzige Weg, auf dem der Kolonialismus Seuchen verursachte. Im 18. Jahrhundert brachte die Britische Ostindienkompanie große Teile Indiens unter ihre Herrschaft. Sie führte auf dem Territorium Indiens zahlreiche Kriege gegen rivalisierende Franzosen und lokale Fürsten, die schließlich die Herrschaft der Moguln zersetzten. Die Folge waren Hungersnöte, bei denen ein großer Teil der Bevölkerung ums Leben kam. Die dramatische Verschlechterung der Lebensverhältnisse in dicht besiedelten Gebieten und starke Migrationsbewegungen sorgten dafür, dass die Cholera – eine uralte Krankheit, die durch verschmutztes Trinkwasser übertragen wird – sich erstmals 1817 als Seuche ausbreitete: zunächst nach Indochina und China, dann über Ceylon und Teheran nach Europa (es gab auch eine Nordroute). Das ganze 19. Jahrhundert hindurch hatte die Cholera Europa im Griff, bis Robert Koch 1883 die Entdeckung des Bakteriums Vibrio cholera e und dem katalanischen Arzt Jaume Ferran 1884 die Entwicklung eines Impfstoffs gelang.

Einen noch komplizierteren Weg nahm die Schlafkrankheit. Auch hier war Kolonialherrschaft der Auslöser. Cecil Rhodes, der Ende des 19. Jahrhunderts Südafrika und Rhodesien dem britischen Königreich einverleibte, betrieb u.a. eine Rinderfarm, auf der die Rinderpest ausbrach. Sämtliche Tiere wurden geschlachtet, auf den verlassenen Weiden breitete sich der Dornbusch aus, der seinerseits verhinderte, dass auf den Flächen noch Tiere grasen konnten. Der Dornbusch aber ist der bevorzugte Lebensraum der Tse-Tse-Fliege, die die Schlafkrankheit überträgt – auf den Menschen.

Und Corona? Einer der größten Agrarkonzerne in China ist Smithfield, ein US-Konzern, Weltmarktführer für Schweinefleisch. Mit dabei auch Tyson Foods, Nestlé, Walmart, Carrefour und Metro. Gerade schickt sich Tönnies an, in China Fuß zu fassen. Noch Fragen?

Angela Klein lebt in Köln und ist verantwortlich für die Sozialistische Zeitung/SoZ


Black lives matter: Hafenarbeiter stoppen die Arbeit

Bea Sassermann

Am 9. Juni kamen die Häfen an der Westküste der USA zum Stillstand. Die Hafenarbeiter hatten die Arbeit eingestellt, um den Tod von George Floyd zu betrauern. Neun Minuten lang – so lange kniete ein Polizist auf Floyds Hals – legten Mitglieder der Hafen- und Lagerarbeitergewerkschaft (ILWU) ihre Arbeit nieder. Geplant wurde auch eine achtstündige Schließung der Häfen an der Westküste für den 19. Juni, dem „Feiertag Juneteenth“. An diesem Tag wird die Emanzipation der Schwarzen gefeiert, die bis 1863 auf gesetzlich geregelter Grundlage in Sklaverei gehalten wurden.

Und tatsächlich, das Wochenende um den 19. Juni, gab es eine große Mobilisierung in den Häfen. Während Donald Trump in Tulsa, Oklahoma, seine Anhänger versammelte – ziemlich genau 99 Jahre, nachdem dort eines der größten rassistischen Massaker der US-Geschichte stattgefunden hatte, streikten an der Westküste von Alaska bis Hawaii abertausende Hafenarbeiterinnen und Hafenarbeiter. An der zentralen Streikdemonstration in Oakland nahmen Zehntausende Menschen teil. Das ist ein Hinweis darauf, dass dieser Streik auch andere Gewerkschaften und erst recht zahlreiche antirassistische und demokratische Organisationen und ihre Mitgliedschaft mobilisiert hat.

Nach: Bericht bei Labournotes – www.labornotes.org/blogs/2020/06/west-coast-dockers-stop-work-honor-george-floyd// und Labournet Germany www.labournet.de/?p=174295