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FaktenCheck:CORONA 2

Schulen und Kitas wieder offen

Wie geht das, was schon vor der Corona-Zeit nicht möglich war

Interview mit Katharina Schwabedissen

Katharina, du bist Mutter von Kita- und Schulkind, sowie bei der Gewerkschaft Ver.di im Bereich Gesundheit und Soziales beschäftigt und Antikapitalistin. Da prallen angesichts der Corona-Krise große Interessen aufeinander. Wie gehen Kinder- Eltern- und Beschäftigteninteressen aktuell zusammen?

Diese Interessen gehen zusammen, wenn man Sorgearbeit als reale, zentrale Arbeit versteht und nicht als Hobby von liebevollen Müttern und Erziehenden, und wenn sich Menschen, die diese Arbeiten erledigen, zusammenschließen. In unserem System, in dem die Lohnarbeit im Vordergrund steht, spaltet die Sorge um die Kinder ausgerechnet die Frauen, die sie versorgen. Da ärgert sich die Erzieherin über die Mutter, die ihr Kind nicht pünktlich aus der Notbetreuung holt. Und die Mutter ist sauer, dass sie jetzt ihr Kind nur noch 35 Stunden bringen darf. Die Erzieherin steht unter Druck, weil sie überall hört, dass die Kinder unter der Kontaktsperre leiden. Gleichzeitig weiß sie genau, dass Infektionsschutz in der Kita kaum möglich ist. Und die Mütter finden es ungerecht, dass die Erziehenden freigestellt sind oder andere Eltern ihre Kinder in die Notbetreuung geben können, während sie zu Hause im Homeoffice kaputt gehen, weil sie gleichzeitig Mutter, Lohnarb eiterin, Lehrerin sein sollen. Den Kindern fehlt der Freundeskreis. Teilweise lassen sich diese Konflikt lösen, wenn Eltern sich zusammengeschlossen und ihre Kinder abwechselnd betreut haben.

Du hast mit Thorsten Böning kürzlich eine Ideenskizze zu den Möglichkeiten und Notwendigkeiten frühkindlicher Bildung in Zeiten der Corina-Pandemie veröffentlicht. Darin fordert ihr neue Räume, mehr Personal und pädagogische Phantasie an die Macht. Was heißt das konkret?

Thorsten und ich sind gemeinsam im Bündnis „Mehr Große für die Kleinen“, das im letzten Jahr die Proteste gegen das Kinderbildungs-Gesetz (KiBiz) in NRW auf die Straße und in den Landtag gebracht hat. Schon da stand für uns die Verbindung von guten Arbeitsbedingungen für die Erziehenden mit guten Bedingungen für frühkindliche Bildung im Mittelpunkt: Mehr Personal und kleinere Gruppen, bei einer kostendeckenden Finanzierung. Daran hat sich auch durch Corona nichts geändert. Die Probleme sind lediglich drängender und offensichtlich geworden. Momentan sind in NRW wieder alle Kinder in den Kitas – in Gruppen von bis zu 25 Kindern. Und das mit weniger Personal. Thorsten und ich haben geprüft, welche Alternativen es schon gibt und wie ein Infektionsschutz für Beschäftigte und Kids funktionieren könnte. Also haben wir die Konzepte von Waldkindergärten, kleinen altersgemischten Gruppen und dem Freiwilligenregister in den medizinischen Berufe n quer durch den Gesundheitsschutz und aktuell ungenutzte Räume gedacht. Das Ergebnis war ein Aufschlag zur Debatte: Können wir kleine Gruppen in Parks, Spielpätzen, Unis, Gemeindehäusern schaffen, die mit einer Fachkraft und zwei Ergänzungskräften das Infektionsrisiko mindern, Infektionsketten überschaubar halten und pädagogisch hochwertige Arbeit leisten. Die Idee findet sich hier:

Milliarden für Lufthansa und Co. und nur Brosamen für die Kommunen und die Bildung – das ist das Ergebnis des bestehenden Kräfteverhältnisses. Wie können das so geändert werden, damit sich diese Verteilung umkehrt?

Diese Gesellschaft hat wochenlang für die „systemkritischen Berufe“ von den Balkonen aus Applaus gespendet. Damit das zu einer echten Verbesserung der Lage führt, muss dieser Applaus jetzt zu einem gemeinsamen Widerstand werden. Dann wird auch mehr Geld locker gemacht. Aber Geld allein reicht nicht: Eine Gesellschaft, in der nicht das Leben, sondern der Profit im Mittelpunkt aller Handlungen steht, ist lebensbedrohlich. Wir werden uns entscheiden müssen, ob wir die Politik weiterhin in fremde Hände geben oder ob wir dort anknüpfen, wo es zu Beginn des Lockdowns viel Hoffnung gab. Kommunalpolitik beginnt im eigenen Viertel und wird zu einer globalen Frage, wenn alle im Viertel mitreden. Fridays for Future, Black lifes matter, Frauenstreikbewegungen, alle sozialen Initiativen vor Ort – die Bewegungen für das Leben und das Lebendige – müssen zu einander kommen und anfangen, eine alternative Gesellschaft denkbar zu machen und durchzusetzen – über die Grenzen hinweg. Und das kann nur da anfangen, wo das Leben ist: Direkt vor meiner und deiner Haustür mit einem Blick vor die Haustüren überall in der Welt.


SOS der Naturfreundehäuser

Michael Müller

Vor 125 Jahren wurden die Naturfreunde gegründet. Die „grünen Roten“ haben ein aufklärerisches und soziales Naturverständnis. Das Ziel war Erholung auch für sozial schwächere Schichten – eine Alternative zu verqualmten Wirtshäusern. Als einziger Umweltverband wurden sie 1933 von den Nazis verboten. Für den Widerstand gegen Hitler zahlten sie einen hohen Blutzoll. Die Naturfreunde sind gewichtige Mitinitiatoren der Ostermärsche und treten für sanften Tourismus ein. Solidarität der ausgebeuteten Menschen mit der ausgebeuteten Natur.

Die große Leistung war der Bau von rund 600 Freizeit- und Bildungsstätten, meist in Eigenarbeit errichtet. Die Naturfreundehäuser waren oft „grüne Inseln im Klassenkampf“: Über die sächsischen Naturfreundehäuser wurde nach 1933 der Kurierdienst des Widerstands nach Prag und anderswo organisiert. Zuletzt boten Naturfreunde ihre Häuser auch für die Unterbringung von Flüchtlingen an.

Noch heute werden die Naturfreundehäuser trotz rd. 500.000 jährlichen Übernachtungen in erster Linie ehrenamtlich betreut. Doch ihre Existenz ist bedroht. Die Corona-Krise führt zu einem Verlust von wahrscheinlich 25 Millionen Euro. Zwar ist im Rettungsschirm der Bundesregierung auch eine Hilfe für gemeinnützige Häuser vorgesehen. Die soll jedoch auf KfW-Basis über die Landesförderbanken organisiert werden. Wie soll das funktionieren? Wie sollen Häuser, die seit Monaten keine Umsätze machen, kreditwürdig sein? Was wir brauchen, sind Zuschüsse. Andernfalls bricht ein wichtiger Teil der sozialen Arbeiterkultur weg. Hilfe wird gebraucht.

Gewalt gegen Kinder in der Coronakrise

Verena Kreilinger

Wenn Schulen, Kindergärten und Kitas in Corona-Zeiten geschlossen bleiben, bedeutet das nicht nur eine Herausforderung hinsichtlich Betreuung oder Bildungsgerechtigkeit, sondern führt dazu, dass viele Kinder ausweglos häuslicher Gewalt und Missbrauch ausgesetzt sind. Die Corona-Krise hat laut Europol zur Folge, dass europaweit deutlich mehr Bilder und Videos von sexuellem Missbrauch von Kindern im Internet geteilt wurden. Für den Monat März, als beinah in allen europäischen Ländern Schulen und Kitas geschlossen waren, hat sich die Zahl gemeldeter Aufnahmen sexueller Ausbeutung von Kindern verzehnfacht. Für Deutschland zeigen die Daten einen deutlichen Anstieg für die Monate März und April, der im Mai wieder zurückging. Fälle häuslicher Gewalt gegen Kinder (und Frauen) sind ebenfalls massiv angestiegen. Diese Situation ist wenig überraschend: Es ist vielfach dokumentiert, dass in Krisensituationen die Gewalt gegen die Schwächsten in der Gese llschaft zunimmt – in häuslicher Isolation und in den Familien sind dies Kinder und Frauen. Diese zu erwartende Gefährdung wurde von den Regierenden bei der Bekämpfung des Corona-Virus ignoriert und in Kauf genommen, anstelle die Ausgangsbeschränkungen und Schul-/Kitaschließungen mit umfangreichen Schutzmaßnahmen für Kinder zu begleiten.

S21-Widerstand –wieder auf der Straße

Angelika Linkh

Am 22. Juni waren wir Stuttgart21-Gegnerinnen und Gegner nach 3 monatiger Corona-Pause wieder auf der Straße gegen das schädliche Tunnelbahnhofsprojekt. Mehr als 10 Milliarden Euro öffentliches Geld werden verbrannt, um – nach dem Mittleren Schlossgarten, der grünen Lunge der Stadt – den Kopfbahnhof zu zerstören. Für einen unterirdischen Rückbau der Gleis-Kapazität zugunsten Autoverkehr und Immobilienlobby. Nach über 10 Jahren Protest gegen dieses Verbrechen an der Stadt zwang uns Corona mit unserer wöchentlichen Montagsdemo ins Netz. „Oben Bleiben TV“ wurde ein spannendes Protestformat und hat seine Funktion erfüllt: den Zusammenhalt der Bewegung über die Durststrecke zu sichern und den gelungenen Neustart des Protests vor Stuttgarts Rathaus zu ermöglichen. Dort brachte es am Montag, dem 22.6., Regisseur Volker Lösch auf den Punkt: „Danke, Stuttgart 21 – du bist ein so ersichtlich desaströses Projekt, dass man an deinem Beispiel die Welt beschreiben kann, die man nicht haben will, die von Gestern ist. Und du bist als anschauliches Auslaufmodell des Unzeitgemäßen Inspiration für eine andere Gesellschaft. Stuttgart 21 – we are back on the street, we keep on fighting.“ Diese Kampfansage an das destruktive „Weiter so!“ der Stuttgart21-Profiteure, der Autolobby und der Klimazerstörer bekam auf dem Platz viel Beifall. Die Bewegung gegen S21 bleibt also quicklebendiger und widerständiger Stachel im Fleisch.

Michael Müller lebt in Berlin und ist Bundesvorsitzender der Naturfreunde Deutschlands

Verena Kreilinger lebt in Salzburg, ist Medienwissenschaftlerin und Ko-Autorin von „Corona – Kapital – Krise“

Angelika Linckh lebt in Stuttgart, ist Frauenärztin und seit 2009 aktiv dabei beim Protest auf der Straße (Code zu den Anti-S21-Demos: https://www.parkschuetzer.de/videos/index.html)