Krankenschwestern

Die weltweiten Veränderungen in einem strategischen Berufsstand – zwischen Spanischer Grippe und Corona-Epidemie

von Marcel van der Linden

Der Tag der Krankenschwestern wird jedes Jahr auf der ganzen Welt am 12. Mai, dem Geburtstag von Florence Nightingale, gefeiert. Im Jahr 2020 – dem zweihundertsten Geburtstag Nightingales – erhielt der Feiertag deutlich mehr Aufmerksamkeit als sonst. Über alle Kontinente hinweg priesen Beamte und Prominente die Tugenden jener Frauen und Männer, die während der Corona-Virus-Pandemie ihr Leben riskierten, um Menschen, die an COVID-19 erkrankt sind, unter sehr schwierigen Umständen zu retten. In Spanien, Italien und anderswo standen Zehntausende auf ihren Balkonen oder an ihren Fenstern, um den Beschäftigten des Gesundheitswesens Applaus zu spenden. Die indische Tageszeitung The Hindu lobte die Krankenschwestern, „die im Kampf gegen das gefürchtete Corona-Virus lobenswerte Dienste geleistet haben“. Der Papst veröffentlichte eine Botschaft, in der er es heißt: „In diesem kritischen Moment … haben wir die grundlegende Bedeutung der Rolle der Kranke nschwestern und Hebammen wiederentdeckt.“ Der britische Prinz Charles informierte die sozialen Medien, dass die königliche Familie „in den Chor der Dankesworte an das Pflege- und Hebammenpersonal im ganzen Land und in der Tat in der ganzen Welt einstimmen“ wolle. Yo-Yo Ma, der berühmte Cellist, veröffentlichte die Sarabande aus Bachs Cellosuite Nr. 3 auf seiner Twitter-Seite verbunden mit der folgenden Botschaft: „Dies ist dem Personal im Gesundheitswesens an vorderster Front gewidmet. Ihre Fähigkeit, menschliche Verbindung und wissenschaftliche Wahrheit im Dienste von uns allen in Einklang zu bringen, gibt mir Hoffnung.“ Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ernannte das Jahr 2020 zum „Jahr der Krankenschwester und der Hebamme“.

Natürlich schätzten Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen diese Gesten. Es gab jedoch auch früh kritische Stimmen. So wurde betont, dass viele Krankenschwestern unter inakzeptablen Bedingungen arbeiten. Oft fehlen Einrichtungen für ungestörten Schlaf und klare Richtlinien. Sie haben keinen Einfluss auf wichtige Entscheidungsfindungen.

Die globale Sicht

Laut WHO sind weltweit 27,9 Millionen Menschen in der Krankenpflege tätig, davon 19,3 Millionen (69 Prozent) als professionelle Krankenschwestern und -pfleger, 6 Millionen (22 Prozent) als assoziierte professionelle Krankenschwestern. 2,6 Millionen (9 Prozent) gehören keiner der beiden Kategorien an.1 Damit zählt dieser Berufstand – noch ohne Ärzteschaft und andere Beschäftigte im Gesundheitssektor – 40 Prozent mehr Beschäftigte als die weltweite Autoindustrie, in der nach eigenen Angaben rund 20 Millionen Arbeitskräfte Beschäftigung finden.

Im Allgemeinen genießen die Beschäftigten des Gesundheitswesens ein hohes Ansehen. Gallup, das Beratungsunternehmen mit Sitz in Washington, führt in jedem Jahr eine repräsentative Umfrage in den Vereinigten Staaten durch zum Thema: „Wie beurteilen Sie die Ehrlichkeit und die ethischen Standards der Menschen in den im Folgenden aufgeführten Bereichen?“ Der Berufsstand der Krankenschwestern und Krankenpfleger wird seit vielen Jahren durchweg als der vertrauenswürdigste angesehen. Tabelle 1 fasst einige der Ergebnisse von Gallup zusammen.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen von Krankenschwestern und Krankenpflegern unterscheiden sich enorm – von Land zu Land und manchmal sogar innerhalb eines Landes. Selbst in den reichen Ländern sind die Gehälter ausgesprochen unterschiedlich; in der OECD liegen die Brutto-Jahreseinkommen zwischen 28.000 und 114.000 Euro.2 In anderen Ländern werden die Beschäftigten im Gesundheitswesen extrem schlecht bezahlt. Auch die Verteilung des Pflegepersonals ist ausgesprochen ungleichmäßig. Die Dichte des Pflegepersonals variiert von 0,7 auf 10.000 Menschen in Guatemala und 1,2 in Guinea auf bis zu 175,4 in der Schweiz und 182,2 in Norwegen (Siehe Grafik 1, Seite 45).

Auch die Dichte der Ärzte ist ungleichmäßig, jedoch mit einer anderen geografischen Verteilung: Kuba liegt hier an der Weltspitze (84,2), Somalia am unteren Ende (0,2).3 Folglich variiert das Verhältnis von Krankenschwestern und Ärzten von Land zu Land enorm. In weiten Teilen der Welt besteht ein erheblicher Mangel sowohl an Krankenschwestern als auch an Ärzten. In Subsahara-Afrika gibt es fünfmal so viele Krankenschwestern und Krankenpfleger wie Ärzte, während das Verhältnis von Ärzten und Krankenschwestern zur Bevölkerung niedrig ist. In Indien ist das Gesamtverhältnis von Ärzten und Krankenschwestern zur Bevölkerung im Vergleich zu vielen anderen Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen niedrig, wobei nur 1,5 Krankenschwestern auf einen Arzt respektive auf eine Ärztin kommen. In China beträgt dieses Verhältnis 1:1.

Jack Needleman, Gesundheitsökonom an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, geht davon aus, dass diese Bandbreite die unterschiedliche Art und Weise widerspiegelt, wie die Pflege in den einzelnen Ländern organisiert ist. Er weist darauf hin, dass „Länder mit wenig Krankenschwestern in Relation zur Zahl der Ärzte möglicherweise die Chance verpassen, den Zugang zum Gesundheitssektor schnell und zu geringen Kosten zu erweitern“.4

Aufstieg der medizinischen Hierarchie

In globaler Sicht zeigen sich große Unterschiede in der Stellung der Krankenschwestern und Krankenpfleger. Selbst in den reichsten Ländern werden nur wenige gut entlohnt und nur wenige haben gute Arbeitsbedingungen. Um diese Fakten besser zu verstehen, müssen wir einen Blick in die Vergangenheit werfen.

Die Stellung der Krankenschwestern und Krankenpfleger hat sich im Lauf der Zeit stark und regional ungleichmäßig verändert. Seit vielen Jahrhunderten gibt es Frauen und Männer, die einen wichtigen Teil ihres Lebens der Pflege von Kranken und Alten gewidmet haben. In der islamischen Welt ist Rufaidah bint Sa‘ad ein bekannter Name; sie war eine frühe Anhängerin Mohammeds im siebten Jahrhundert. Als Tochter eines Arztes bildete sie andere Krankenschwestern aus und baute in Kriegszeiten Krankenzelte auf. In der christlichen Welt übernahmen Nonnen manchmal ähnliche Aufgaben. Später waren dies auch Organisationen wie der Malteserorden. In weiten Teilen der Welt kümmerten sich Verwandte und Bedienstete um die Kranken. Der chinesische Kaiser wurde im Krankheitsfall von seinem Premierminister und den Mitgliedern der königlichen Familie versorgt.

In Europa entwickelte sich die medizinische Wissenschaft seit dem 18. Jahrhundert rasch weiter. So wurde es üblich, bei Erkrankten die Körpertemperatur zu messen, was durch Auflegen einer Hand auf die Brust oder den entzündeten Bereich geschätzt wurde. Bald erfuhr auch die Hygiene größere Aufmerksamkeit. Ende des neunzehnten Jahrhunderts machten Schmerzlinderung und die Nutzung von Antiseptika Fortschritte. Auch die Rolle der Krankenpflege änderte sich allmählich. Die hygienische Versorgung, die die Pflege die medizinischen Verfahren ergänzte, gewann an Bedeutung. Da die Voraussetzungen dafür zu Haus nicht gewährleistet werden konnten, verlagerte sich die Pflege – auch für die Wohlhabenden – in die entsprechenden Einrichtungen. Krankenhäusern wurden gebaut.

Wichtige Neuerungen scheint es vor allem in Großbritannien gegeben zu haben, mit Pionieren wie Elizabeth Fry und Florence Nightingale. In Deutschland gründete Pfarrer Theodor Fliedner die Diakonissenklinik in Kaiserswerth-Düsseldorf. „Moderne“ Krankenpflege gründete in zunehmendem Maß auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es ging nicht mehr nur um Wundversorgung oder das Waschen von Patientinnen und Patienten, sondern auch um die Verabreichung von Medikamenten, das Aufstellen von Pflegeplänen, die Überwachung von Diäten und die Ausarbeitung von Bevölkerungsstatistiken, Verzeichnissen von Geburten und Todesfällen.

Gleichzeitig veränderte sich die soziale Zusammensetzung des Pflegepersonals. Jahrhundertelang waren es vor allem Damen der Oberschicht, die sich für innovative Pflege interessierten – sowohl Fry als auch Nightingale kamen aus wohlhabenden Verhältnissen. Doch die Zahl der in diesem Sinn verfügbaren Damen war begrenzt, und bald mussten auch Frauen aus den unteren Schichten für die Arbeit als Krankenschwester rekrutiert werden. Vielen Frauen aus den wohlhabenderen Kreisen gefiel das nicht. In den 1880er Jahren begannen in England, dem damals am weitesten entwickelten Land, eine Reihe von Krankenschwestern aus der Oberschicht unter der Leitung von Ethel Bedford Fenwick, sich für die Einführung eines Registers einzusetzen. Damit sollte der Unterschied zwischen ausgebildeten und unausgebildeten Krankenschwestern kodifiziert werden – ein naheliegender Gedanke, denn im Laufe der Jahre waren Krankenhäuser mit sehr unterschiedlichen Ausbildungen entstanden. Aber, so der Nightingale-Biograph Mark Bostridge:

„Mrs. Bedford Fenwick und ihre Anhänger hatten ein weiteres großes Ziel vor Augen. Sie wollten Krankenschwestern aus der Arbeiterklasse ausschließen und die Krankenpflege zu einem Beruf nur für Damen [aus der Oberschicht; d. Red.] machen. Nach ihrem Plan sollten Krankenschwestern während der Ausbildung keinerlei Arbeitseinkommen haben. Sie sollten zusätzlich die Summe von fünf Guineen für die schriftliche Prüfung und schließlich die Registrierung bezahlen. Auf diese Weise hofften sie, diejenigen, die sie für unerwünscht hielten, von der Wahl dieses Berufs abzuschrecken, während gleichzeitig Einsteigerinnen aus der Mittelschicht mit einer liberalen Bildung und einem verfeinerten Training zu Hause zum Berufseinstieg ermutigt werden sollten. Die Verbesserung des sozialen Status war ein klares Ziel dieser Art Lobbyarbeit für die Registrierung. Erhofft wurde, dass auf diese Weise eine Gleichstellung mit der Ärzteschaft zu erreichen sei.“5

So kam es zu einem Machtkampf. Die Ärzte, die sich auf vermehrtes medizinisches Wissen stützten, strebten nach der vollen Kontrolle über ihre Patienten. Die „Damen“ betrachteten sich den Ärzten als ebenbürtig, hatten große Schwierigkeiten, sich ihnen unterzuordnen, und wollten sich gleichzeitig von den Krankenschwestern der Unterschicht abgrenzen. Die Krankenschwestern der Unterschicht wiederum betrachteten die Krankenpflege jedoch nicht nur als Berufung, sondern auch als einen Beruf zur Sicherung des Lebensunterhalts. Um diese Fragen entbrannte ein langer und meist stiller Kampf, der sich nicht auf das Vereinigte Königreich beschränkte.

Als erstes Land stellte Neuseeland 1901 nationale Regelungen für die Ausübung der Krankenpflege auf. Dem folgten bald mehr und mehr Länder. Es wurden auch bezahlte Krankenpflegekurse eingerichtet, die es Frauen aus der Arbeiterklasse ermöglichten, als Gesundheitsfachkräfte registriert zu werden. Die „Proletarisierung“ der Krankenschwestern förderte auch die Konsolidierung eines Medizin-Modells, bei dem die Krankenschwester eine Handarbeiterin ist, die dem Arzt hilft und selbst nur sehr wenige Entscheidungen treffen darf. So entstand eine Hierarchie im Gesundheitswesen mit dem Arzt an der Spitze, der eine Gruppe von Assistierenden, die Krankenschwestern, beaufsichtigt, die wiederum aus einer oberen Schicht (registrierte Krankenschwestern) und einer unteren Schicht (nicht registrierte Krankenpfleger) besteht.

Diese Hierarchie im Gesundheitswesen verbreitete sich ab dem späten 19. Jahrhundert auf der ganzen Welt. Sie wurde in höchst unterschiedlichen Gesellschaften eingeführt. Im Senegal zum Beispiel waren bis nach dem Ersten Weltkrieg alle Krankenpfleger Männer aus dem Militär. Das Jahrhundert der französischen Eroberungskriege in Westafrika ließ den Bedarf an medizinischen Hilfskräften zur Unterstützung von Armeechirurgen und Ärzten sowie zur Versorgung kranker und verwundeter Soldaten entstehen. So wie die Reihen des kolonialen Militärs hauptsächlich mit afrikanischen Rekruten gefüllt wurden, bestand auch das medizinische Korps aus Hilfskräften. Männer stellten den Kern sowohl der Pflege- als auch der medizinischen Berufe. Erst in den 1920er- und 1930er-Jahren traten in diesem Bereich Krankenschwestern und Hebammen in Erscheinung.6

In anderen Teilen der Welt wiederum war es lange Zeit unvorstellbar, dass sich „Damen“ außerhalb ihres Hausstandes um die Kranken kümmern würden. Im kaiserlichen China konnten junge Frauen aus den „besseren Kreisen“ das Haus nur mit einer Anstandsdame verlassen; es war ihnen unmöglich, sich um Kranke außerhalb ihrer Familie zu kümmern. Die Krankenpflege wurde von Frauen aus der Unterschicht übernommen, die oft Analphabetinnen waren. Die Vorsitzende des chinesischen Krankenpflegeverbands erinnerte sich an die späten 1930er Jahre: „Mir wurde von einer der älteren Krankenschwestern gesagt, dass es notwendig sei, die Flaschen so zu markieren, damit alle Krankenschwestern es verstehen würden, z.B. ein Auge auf die Zinksulfat-Lösung zu zeichnen, was auf Augenheilkunde hindeutete, und eine Hand auf die Lysol-Flasche, was auf ihre Verwendung zum Händewaschen hindeutete.“7

Darüber hinaus war die traditionelle chinesische Medizin immer noch einflussreich – und ist es auch heute noch. Es dauerte lange, bis aus der Krankenpflege ein richtiger Beruf wurde. Zur Zeit der Gründung der Volksrepublik 1949 gab es in China 183 Krankenpflegeschulen und 32.800 Krankenschwestern und -pfleger.8 Selbst heute noch kommen in China nur 26,6 Krankenschwestern und  pfleger auf 10.000 Einwohner, eine geringe Zahl im Vergleich zu Deutschland (132,4) oder den Vereinigten Staaten (145,5).

Wandel der medizinischen Hierarchie

Zwei Entwicklungen brachten im Lauf des 20. Jahrhunderts die medizinische Hierarchie durcheinander. Die erste können wir Registrierung und Spezialisierung nennen. Das technische Wissen in der Ärzteschaft wuchs sprunghaft. Sobald dann eine neue Technik Routine geworden war, wurde sie den Krankenschwestern und Krankenpflegern beigebracht. Zum Beispiel intramuskuläre Injektionen, Blutdruckmessung, intravenöse Injektionen oder das Legen einer Infusion. Und weil nicht jede Krankenschwester Zugang zu allen Kenntnissen hatte, setzte sich eine Spezialisierung durch. Heute ist die Differenzierung der Funktionen beeindruckend. Die Canadian Nurses Association unterscheidet derzeit zweiundzwanzig Praxisbereiche, darunter Herz-Kreislauf, Intensivpflege, Notfallmedizin, Gastroenterologie, Perianästhesie sowie psychiatrische und psychische Krankenpflege. Mit der Spezialisierung wuchs das berufliche Selbstbewusstsein. So wurden Organisationen zur Entwicklung ethischer Standards gegr fcndet, die auch Lobbyarbeit betrieben, sich mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigten und Aus- und Fortbildung anboten: zum Beispiel die American Nurses Association (1896), die niederländische Nosokomos (1900), die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands – B.O.K.D. (1903) und die französische Association Nationale des Infirmières Diplômées (1924). Das Ausbildungsniveau der Pflegekräfte stieg vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg steil an. Symptomatisch war die Einführung so genannter klinischer Spezialisten in den Vereinigten Staaten in den 1960er Jahren: Krankenschwestern mit einem Master-Abschluss, die Expertinnen für evidenzbasierte Praktiken sind.

Als die zweite Entwicklung ist die enorme Ausweitung des Gesundheitswesens zu sehen. Über die Ursachen wird viel diskutiert, aber die Fakten sind klar. Wie auf der obigen Grafik dokumentiert wird, ist der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt praktisch überall rapide angestiegen. Nach Angaben der WHO liegt er in Ländern mit mittlerem Einkommen bei etwa sechs Prozent, in Ländern mit niedrigem Einkommen bei sieben Prozent und in Ländern mit hohem Einkommen bei zehn Prozent. Das stärkste Wachstum innerhalb der OECD-Länder verzeichneten die Vereinigten Staaten, wo der Anteil von 4,8 Prozent im Jahr 1960 auf 14,7 Prozent im Jahr 2003 gestiegen ist. An zweiter Stelle liegt die Schweiz mit einem Anstieg von 4,8 Prozent auf 11,3 Prozent.

Dieser expansive Trend wurde jedoch von zwei Seiten untergraben.

Das enorme Wachstum der Gesundheitsversorgung ging mit beträchtlichen Investitionen in die medizinische Ausrüstung einher. Die Löhne sind oft der bei weitem größte Kostenposten, wobei die Lohnkosten für das Pflegepersonal den größten Anteil ausmachen, in armen Ländern noch mehr als in reichen. Als Reaktion darauf werden die Löhne von Krankenschwestern und -pflegern gekürzt, das Arbeitspensum erhöht und Aufgaben von examinierten Krankenschwestern und -pflegern auf nichtprofessionelles Pflegepersonal übertragen. Es versteht sich von selbst, dass dies weder die Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal noch die Qualität der Gesundheitsversorgung verbessert.

Zugleich hat seit den 1980er Jahren die Marktorientierung zugenommen. In der Folge wurde die Zahl der Krankenhausbetten in vielen Ländern deutlich reduziert, in den Vereinigten Staaten von 889.600 im Jahr 1985 auf 641.395 im Jahr 2010 und in Deutschland von 877.563 im Jahr 1986 auf 497.182 im Jahr 2017.9 Möglich wurde dies durch eine drastische Reduzierung der durchschnittlichen Verweildauer pro Patient.

Infolge von Intensivierung und Unterbezahlung der Arbeit in der Krankenpflege gibt es in vielen Teilen der Welt einen Mangel an Pflegepersonal. Schätzungen zufolge beläuft sich dieser weltweit auf sechs bis neun Millionen Pflegekräfte. Die globale Ungleichheit wird noch verstärkt, indem Krankenschwestern aus armen Ländern in die reichen Länder gelockt werden, so dass sich die Gesundheitsversorgung in den armen Ländern verschlechtert. In den Industrieländern ist die Zahl der im Ausland ausgebildeten Gesundheitsfachkräfte seit 2010 um 60 Prozent gestiegen.10

„Dabei verlieren arme Länder, in denen es besonders wenige Krankenschwestern und -pfleger gibt, diese an reiche Länder mit besonders vielen Pflegekräften. Wie in zahlreichen Berichten festgestellt wurde, finanzieren Entwicklungsländer die Ausbildung von Krankenschwestern und -pflegern oft mit öffentlichen Geldern, so dass die Abwanderung von Krankenschwestern in wohlhabende Länder faktisch eine massive öffentliche Subvention der ärmsten Ländern zugunsten der reichsten Regionen der Welt darstellt“.11 Und es gibt noch eine weitere Konsequenz: Krankenschwestern organisieren sich in Gewerkschaften. Unter den registrierten Krankenschwestern und Krankenpflegern reifte die Erkenntnis, „dass ihre Arbeitsbedingungen wie bei allen anderen Arbeitnehmern von den Gewerkschaften in Tarifverhandlungen geschützt und ihre Rechte festgeschrieben werden müssen.“12

Der Trend setzte in den 1950er Jahren ein. Zunächst war es schwer, Krankenpflegekräfte zu organisieren, weil sie davon ausgingen, dass eine gewerkschaftliche Organisierung unweigerlich zu Streiks im Krankenhaus führen würde. Darüber hinaus war die Vorstellung, „dass ein Krankenhausmitarbeiter seine Berufung verleugnen und einen Patienten auf dem Operationstisch zurücklassen könnte, um sich einer Streikpostenkette anzuschließen, beängstigend, sowohl für die Patienten als auch für die Allgemeinheit“.13 Trotz dieser Hindernisse hat sich der Trend zur gewerkschaftlichen Organisierung fortgesetzt. Alle alten Berufsorganisationen, die sich nicht zu Gewerkschaften weiterentwickelten, verloren an Einfluss. Heute gibt es unter den 630 Organisationen, die derzeit in der Internationale der Öffentlichen Dienste – IÖD (Public Services International – PSI) in Genf zusammen geschlossen sind, 230 Gewerkschaften, die das Gesundheitspersonal vertreten , mit etwa sieben Millionen Mitgliedern; 80 Prozent davon sind Krankenschwestern und Krankenpfleger.

Von der Spanischen Grippe zu COVID-19

Vor etwas mehr als einem Jahrhundert, im Februar 1918, brach die Spanische Grippe aus. Es handelte sich um eine beispiellose Pandemie, die innerhalb von zwei Jahren ein Drittel der Weltbevölkerung infizierte. Die geschätzte Zahl der Todesopfer liegt zwischen siebzehn und fünfzig Millionen. Der Einsatz der Krankenschwestern war heldenhaft. Basil Hood, Arzt am Londoner Charing Cross Hospital, schrieb: „Die Schwierigkeiten wurden von Tag zu Tag größer, da die Zahl der Erkrankten zunahm, während die Zahl der Krankenschwestern abnahm, da letztere wie Kegel umfielen“.14 Mit Lob überschüttet wurden jedoch nicht die Krankenschwestern, sondern die Ärzte, was auch der Konsolidierung der „modernen“ medizinischen Hierarchie geschuldet war.15 .

Krankenschwestern und -pfleger haben sich auch während der aktuellen Pandemie für ihre Patienten geopfert. Im Juli 2020 schätzte Amnesty International, dass mindestens 3000 Krankenschwestern und Krankenpfleger an COVID-19 gestorben sind, wobei die tatsächliche Zahl aufgrund der unzureichenden Berichterstattung wohl noch höher zu veranschlagen ist.[16] Der Weltbund der Krankenschwestern und Krankenpfleger (International Council of Nurses – ICN), die weltweite Dachorganisation des Pflegepersonals, wies im Juni auf das gestiegene Risiko der Krankenschwestern und Krankenpfleger während der Pandemie hin: „Eine große Zahl von Krankenschwestern und Krankenpflegern hat sich mit COVID-19 infiziert; viele fanden dabei bedauerlicherweise den Tod. In allen Regionen der Welt wurde über einen Mangel an geeigneter, hochwertiger persönlicher Schutzausrüstung berichtet. In einigen Ländern wurden Krankenschwestern und -pfleger im Kontakt mit COVID-19-Patienten nu r mit Handschuhen und Masken ausgestattet, trotz der bekannten Risiken und der Empfehlungen, dass Schutzvisiere und -mäntel in solchen Situationen unerlässlich sind.“17

Infolgedessen wird das Pflegepersonal oft selbst als Gefahr für die öffentliche Gesundheit wahrgenommen. Manche sehen sich in ihren Gemeinden mit Aggression und Gewalt konfrontiert. In einem im Mai erschienenen Kommentar in The Lancet, der führenden medizinischen Fachzeitschrift, heißt es: „Seit Beginn dieser Pandemie sind in den Schlagzeilen auch Geschichten von Angehörigen des Gesundheitspersonals zu finden, die auf dem Weg von und zu Gesundheitseinrichtungen Angriffen ausgesetzt sind. Krankenschwestern und Ärzte wurden in Mexiko mit Eiern beworfen und körperlich angegriffen. Auf den Philippinen wurde Berichten zufolge ein Krankenpfleger von Männern angegriffen, die ihm Bleichmittel ins Gesicht schütteten und dadurch seine Sehkraft beeinträchtigten. Aus ganz Indien wird berichtet, dass Beschäftigte des Gesundheitswesens geschlagen, gesteinigt, bespuckt, bedroht und aus ihren Häusern vertrieben wurden.“18 Es sei ermutigend, zu sehen, wie vie le Gemeinschaften die Krankenschwestern und Krankenpfleger loben und ihnen danken, betonte Robert Mardini, der Generaldirektor des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes anlässlich des Tags der Krankenschwestern am 12. Mai, es sei jedoch „beunruhigend, dass andere Krankenschwestern und Krankenpfleger schikaniert, stigmatisiert und sogar angegriffen werden.“19

Aber selbst unter diesen schwierigen Umständen scheint das kollektive Selbstvertrauen der Pflegenden in den letzten hundert Jahren gewachsen zu sein. Amnesty berichtet von mindestens 31 Ländern, in denen es „Streiks, Streikdrohungen oder Proteste von Beschäftigten des Gesundheitswesens und von Beschäftigten in lebenswichtigen Bereichen als Folge unsicherer Arbeitsbedingungen“ gab.20

Die Kräfteverhältnisse im Gesundheitswesen verändern sich.

Marcel von der Linden ist Mitarbeiter des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte in Amsterdam. „Ein besonderer Dank gilt meiner Partnerin Alice Mul, die nicht nur eine Sozialwissenschaftlerin, sondern – noch wichtiger – eine examinierte Krankenschwester ist.“ Dieser Artikel wurde Ende Juli 2020 beendet. Übersetzung: Heino Berg

Bei dem hier wiedergegebenen Text handelt es sich um eine überarbeitete und ergänzte Fassung eines Beitrags für: Andreas Eckert und Felicitas Hentschke (Hrsg.), Corona and Work around the Globe (Berlin: De Gruyter, 2021).

Anmerkungen:

1 State of the world’s nursing 2020. Executive summary (Genf, WHO, 2020), S. 3.

2 Nina Jerzy, “In diesen Ländern verdienen Krankenschwestern am meisten,” Capital, 21. Juli 2020.

3 World health statistics 2020 (Genf: WHO, 2020), Annex 2, Teil 3.

4 Jack Needleman, “Nurses, the costs of healthcare, and the pursuit of value in health care,” in: Nurses: A voice to lead – Nursing the world to health (Genf, International Council of Nurses, 2020), S.33-34.

5 Mark Bostridge, Florence Nightingale (Harmondsworth: Penguin, 2009), S. 502-503.

6 Jonathan Cole, “Engendering health: pronatalist politics and the history of nursing and midwifery in colonial Senegal, 1914-1967,” in: Patricia D’Antonio, Julie A. Fairman und Jean C. Whelan (Hrsg.), Routledge handbook on the global history of nursing (London und New York: Routledge, 2013), S. 114-130.

7 Evelyn Lin, “Nursing in China,” The American Journal of Nursing, 38, 1 (Januar 1938), S. 1-8.

8 Francis K. Y. Wong and Yue Zhao, “Nursing education in China: past, present and future,” Journal of Nursing Management, 20 (2012), S. 38-44

9 Neil A. Halpern et al., “Critical care medicine in the United States 1985– 2000: an analysis of bed numbers, use, and costs,” Critical Care Medicine, 32, 6 (Juni 2004), Seiten 1254–1259; Neil A. Halpern et al., “Trends in critical care beds and use among population groups and Medicare and Medicaid beneficiaries in the United States: 2000–2010,” Critical Care Medicine, 44, 8 (August 2016), Seiten 1490-1499; Verena Kreilinger, Winfried Wolf und Christian Zeller, Corona, Kapital, Krise. Für eine solidarische Alternative in Zeiten der Pandemie (Köln: Papyrossa, 2020) und Lunapark21, Heft 50, „Quartalslüge“, S.4f.

10 https://journals.lww.com/ajnonline/FullText/2019/06000/International_Nurse_Migration.9.aspx.

11 Patricia Pittman, Linda H. Aiken und James Buchan, “International migration of nurses: introduction,” Health Services Research, 42, 3, Teil II (Juni 2007), S. 1275-1280.

12 Herman Benson, “Unionization of the nurses in the U.S.: worker power, autonomy, and labor democracy,” Working USA, 13 (Juni 2010), S. 297-307.

13 Susan Reverby, “Hospital organizing in the 1950s: an interview with Lillian Roberts,” Signs, 1, 4 (Sommer 1976), S. 1053-1063.

14 Mark Honigsbaum, “‘Nurses fell like ninepins’: death and bravery in the 1918 flu pandemic,” The Guardian, 5. April 2020.

15 Laura Almudéver Campo und Ramón Camaño Puig, “Enfermeras y practicantes durante la epidemia de gripe de 1918: Análisis a través de la prensa española,” Cultura de los Cuidados, No. 52 (Juli-September 2018), S. 109-118.

16 Regelmäßige Updates bei: https://flourish.studio/covid/.

17 https://www.icn.ch/news/virtual-meeting-worlds-nurses-highlights-importance-unity-solidarity-and-collaboration-face.

18 Donna McKay u.a., “Attacks Against Health-Care Personnel Must Stop, Especially as the World Fights COVID-19,” The Lancet, 20. Mai 2020, S. 1-2.

19 Nach: Manila Times vom 14. Mai 2020. https://www.manilatimes.net/2020/05/14/public-square/nurses-deserve-praise-gratitude-and-protection/724594/

20 Exposed, silenced, attacked: failures to protect health and essential workers during the pandemic (London: Amnesty International, 2020).

Dieser Beitrag ist in lunapark21, Heft 52 erschienen