Das Sterben der anderen

Die Losung „Die Alten schützen“ ist wohlfeil und scheinheilig

Kathrin Hartmann

Es ist ein Narrativ, das die Covid-19-Pandemie von Beginn an begleitet: Das Virus sei vor allem für ältere Menschen gefährlich, weshalb man sie besonders schützen müsse. Vorgetragen wird sie von Menschen, die behaupten, der Lockdown richte mehr Schaden an als das Virus selbst. Wenn man Pflegeheime und „Risikogruppen“ besser schütze, könnten „alle anderen“ normal weiterleben. „Die Älteren schützen“ ist mittlerweile zu einer Art Moral-Tool derer geworden, die, entgegen jeder wissenschaftlichen Erkenntnis zu Covid 19 weiterhin rücksichtlos fordern, man müsse endlich „lernen“, mit dem Virus „zu leben“.

Ja, es ist richtig: 89 Prozent der Menschen, die in Deutschland bislang an Covid-19 gestorben sind, waren älter als 69 Jahre alt. Laut Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 2. Februar 2021 ereigneten sich 55.851 von den insgesamt 57.982 gemeldeten Todesfällen seit Beginn der Pandemie in der Altersgruppe der über Sechzigjährigen. Rund die Hälfte davon war zwischen 80 und 89 Jahre alt. Allerdings lebten die meisten Menschen dieser Altersgruppe gar nicht im Heim, sondern zuhause. 2018 lebten in Deutschland mehr als 23 Millionen Menschen im Alter von mindestens 60 Jahren. Aber nur 3,3 Millionen derer, die älter als 65 sind, sind pflegebedürftig. Drei Viertel der Pflegebedürftigen werden zuhause gepflegt. Nur ein eher kleiner Teil der Älteren lebt also in einem Heim. Dennoch sind seit Herbst dort viele Menschen gestorben. Genaue Zahlen gibt es nicht. Laut RKI-Bericht vom 6.2.2021 ereigneten sich 16.272 der (zu diesem Zeitpunkt) insgesamt 61.286 Corona-Todes fälle in einer Einrichtung nach §36 des Infektionsschutzgesetzes. Dazu zählen neben Alten- und Pflegeheimen aber auch Obdachlosen- und Asyl-Unterkünfte sowie Gefängnisse. Eine Studie des Instituts für Public Health und Pflegeforschung (IPP) schätzt den Anteil der Corona-Todesfälle in Heimen auf ein Drittel.

Erst am 15. Oktober legte das Bundesgesundheitsministerium die erweiterte Teststrategie vor. Danach sollten Pflegende und Bewohner*innen in Heimen nicht mehr wie bislang nur bei Verdacht auf Covid-19 getestet werden, sondern mehrmals pro Woche – auch ohne Symptome. Erst zwei Monate später machte die Bundesregierung dies zur Pflicht – auch für Besucher*innen in Gebieten mit hoher Inzidenz. Durchführen sollten die Tests die Pflegenden. Ein Ding der Unmöglichkeit, es fehlen mindestens 100.000 Pflegekräfte. Mitte Januar bot Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer an, dafür 10.000 Bundeswehrangehörige bereitzustellen. Erst Ende Januar erklärte sie, dass die dabei entstehenden Kosten der Bund übernimmt. In diesen vertrödelten vier Monaten stiegen die Corona-Fälle rasant an – und mit den Infektionszahlen wuchsen die Todesfälle. Die beste Teststrategie reicht nicht aus, wenn das Gesundheitssystem derart marode ist.

Pfleger*innen haben ein deutlich höheres Risiko, an Covid 19 zu erkranken. Der von der Politik weiterhin ignorierte Pflegenotstand gerät nun zum Ausnahmezustand. Er sorgt dafür, dass Pflegekräfte sogar trotz Infektion weiter arbeiten. Gesundheitsminister Jens Spahn rief im November allen Ernstes dazu auf, dass positiv getestetes Pflegepersonal notfalls arbeiten sollte. Dabei wird das Virus ja nur von außen in die Pflegeheime getragen.

Was den überwältigenden Anteil der über 60-Jährigen betrifft, die zuhause leben (und, ganz nebenbei, noch arbeiten): Sie sind, soweit sie sich nicht isolieren, dem Virus ausgeliefert. Sie leiden vielfach unter der Pandemie. Weil die Kliniken mit Corona-Patienten ausgelastet sind, kommt auch die Behandlung anderer Krankheiten, die diese Altersgruppe verstärkt betrifft, zu kurz. Operationen und Krebsbehandlungen werden verschoben, die Gefahr für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Depressionen wächst. Es geht hier also nicht nur darum, dass ältere Menschen am meisten gefährdet sind, daran zu sterben. Es geht um verlorene Zeit, vielleicht sogar um verlorene letzte Lebensjahre. Ältere, die Betreuten in den Heimen und die Pfelgenden, ja uns alle kann nur die Beendigung des Pflegenotstands und der Pandemie schützen.

Kathrin Hartmann ist Journalistin und Buchautorin in München. Zuletzt erschien „Grüner wird‘s nicht. Warum wir mit der ökologischen Krise völlig falsch umgehen“ im Blessing Verlag.

Mehr Personal für gute Pflege

Christina Zacharias · Pflegekraft

In der Corona-Pandemie hat es die Pflege in sämtliche große Medien geschafft. Doch wer sich über die Zustände dort wundert, hat nicht aufgepasst. Die Pflege ist schon seit Jahren am Limit. Die Pandemie trifft mit voller Wucht auf ein geschwächtes Gesundheitssystem. Das Virus im System heißt Neoliberalismus und sorgt dafür, dass sogar Gesundheit zur Ware wird.

Dies führt zu den Zuständen, die wir alle kennen und dennoch ignorieren: Patient*innen leiden unter einer schlechteren medizinischen Versorgung, Beschäftigte unter belastenden Arbeitsbedingungen.

Für Pflegekräfte ist das Alltag. Der Fachkräftemangel bestand bereits vor der Pandemie. Corona hat ihn sichtbar gemacht und verschärft. Kolleg*innen in Quarantäne können nicht ersetzt werden. Aufgrund mangelhafter Schutzausrüstung begibt sich das medizinische Personal selbst in Gefahr. Das führt dazu, dass jede zehnte Coronainfektion im Gesundheitssystem auftritt. Patient*innen werden in andere Stationen geschoben, die nicht für sie zuständig sind. Beschäftigte werden hin und her verlegt. Das sorgt für steigende Arbeitsbelastung und schlechtere Versorgung der Kranken.

Der Gesundheitsminister will neue Beatmungsgeräte anschaffen, um Versorgungsengpässe zu lösen. Mit diesem Vorhaben zeigt er uns seine Ignoranz. Geräte helfen nicht, wenn es kein Personal gibt, um diese zu bedienen. Die Entscheidungsträger*innen ignorieren die Expertisen von Wissenschaftler*innen und Pflegenden, die genau diesen Missstand bemängeln. Nur eine solidarische Bekämpfung der Pandemie verhindert das Zusammenbrechen des Gesundheitssystems: Darum sagen wir #ZeroCovid.

Jede weitere Welle mit halbgaren Maßnahmen zu beantworten, wird dafür sorgen, dass Pflegekräfte dem unerträglichen System entfliehen. Die Regierung hält weiter an der falschen Strategie fest, das Infektionsgeschehen etwas einzugrenzen. Auch infizierte Pflegekräfte sollen weiterarbeiten. Damit zeigt die Regierung, dass Menschlichkeit nicht zählt. Pflege stärken heißt, zu verhindern, dass unnötige Arbeit entsteht, dass unnötig Ansteckung stattfindet, dass unnötig Menschen sterben. Es braucht einen solidarischen Shutdown. Zugleich müssen wir aus den Fehlern lernen, um ein besseres „Danach“ durchzusetzen.

Am Arsch vorbei geht auch ein Weg

Frédéric Valin

Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind schlecht. Bereits vor der Pandemie waren sie das. Da fehlten allein in den Kliniken 100.000 Pflegekräfte. In der Altenpflege sieht es noch düsterer aus. Trotz all der Solidaritätsbekundungen hat sich der Trend mit der Pandemie noch einmal verschärft.

Seit den Nuller Jahren setzt sich auch in sozialen Einrichtungen, auch in der Kirche, eine immer stärker auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtete Unternehmenspolitik durch. Im sozialen Bereich gibt es fast keine Einsparmöglichkeiten, es bleiben die Personalkosten als Stellschraube. Die Lohnerhöhungen der letzten Jahre waren inflationsbereinigt quasi null. Eine Bertelsmann-Studie kommt zu dem Ergebnis: „In der Chemie- und Autobranche nimmt der Verdienst demnach zwischen 2017 und 2025 […] zwei bis drei Mal so stark zu wie bei Gesundheit, Sozialem und Handel.“

Aber warum wehren sich die Pflegenden nicht? Die kurze Antwort ist: weil viele nicht dürfen. Ein Teil des Problems ist das Arbeitsrecht der Kirchen. In den 70er Jahren wurde der sogenannte dritte Weg etabliert, nach dem viele kirchliche Einrichtungen in Deutschland immer noch arbeiten. In diesem Modell gibt es keine Tarifverhandlungen unter gleichberechtigten Partner*innen, sondern sog. arbeitsrechtliche Kommissionen, die paritätisch besetzt sind und arbeitsrechtliche Fragen aushandeln. Was nicht gemeinschaftlich ausverhandelt wird, landet vor einem Schiedsgericht. Ein Streikrecht gibt es de facto nicht, historisch sind auch deswegen die Gewerkschaften in den Pflegeberufen kaum vertreten. Es fehlt das schärfste Schwert im Arbeitskampf.

Die Arbeitgeber*innen nutzen das aus. So hat Ver.di kürzlich einen neuen Lohnpakt für die Altenhilfe ausgearbeitet, als Verhandlungsgrundlage mit dem Arbeitgeberverband AGVP. Der will jetzt per Gericht Ver.di für „tarifunfähig“ erklären lassen, da die Gewerkschaft „keine Durchsetzungskraft in der Branche für sich in Anspruch nehmen kann“. Weil Ver.di bisher keinen Tarifschluss erzwingen konnte, sei Ver.di nicht relevant.

Pflegenden muss es ermöglicht werden, für ihre Interessen zu kämpfen. Der dritte Weg muss beendet werden. Das wäre zumindest ein Anfang.

Erschienen in „ZeroCovid-Solidarität in Zeiten der Pandemie“ Nr. 1