#ZeroCovid: Warum nur solidarisches Handeln die Pandemie beenden kann

Interview mit Bini Adamczak

Du hast die Kampagne ZeroCovid mit initiiert. Wie kam es dazu?

Die Pandemie zieht sich schon ein Jahr hin. Wie viele andere hatte ich von Anfang an den Eindruck, dass die europäischen Regierungen einen falschen Kurs einschlagen. Der Eindruck hat sich mit der zweiten Welle im Herbst massiv verstärkt.

Ein Grund, warum wir jetzt aktiv geworden sind, ist aber auch, dass lange Zeit gesagt wurde, wir warten auf den Impfstoff. Nun ist klar geworden, dass die Impfungen das Infektionsgeschehen zunächst nicht verlangsamen werden. Die Fantasie, das Problem technologisch in den Griff zu bekommen, hat sich als Illusion rausgestellt. Es ist also wichtig, nicht nur auf medizinische, technische, sondern auch auf soziale, politische Lösungen zu setzen.

Das Ziel von null Neuinfektionen ist logisch, ist es auch realistisch?

Es ist erstaunlich, dass immer wieder so getan wird, als ob das eine utopische Forderung sei. In fast einem Drittel der Welt ist sie realisiert worden. Gerade Länder, in denen die Pandemie zuerst aufgetreten ist, haben praktisch keine Infektionen mehr.

Erreicht werden soll das durch einen solidarischen Shutdown. Wie sieht Solidarität in Zeiten einer Pandemie aus?

Die bisherige Pandemiebekämpfung schränkt fast ausschließlich die Freizeit ein, während sie die Arbeitszeit weitgehend ausspart. Wenn die drastische Infektionsdynamik gestoppt werden soll, braucht es aber drastische Maßnahmen: Alle Arbeitsbereiche, die nicht dringend notwendig sind, müssen kurzfristig runtergefahren werden. Natürlich können die meisten Menschen nicht mehrere Wochen ohne Einkommen auskommen. Sie müssen finanziell unterstützt werden. Auch zu Hause bleiben geht nur für Menschen, die ein Zuhause haben. Wohnungslose Menschen müssen also in die leerstehenden Wohnungen einziehen. Dort, wo Menschen eng zusammenleben, kommt es schnell zu großen Ausbrüchen. Folglich müssen Sammelunterkünfte aufgelöst werden. Die gesundheitspolitische und die sozialpolitische Perspektive zusammenzubringen, ist eine logische Notwendigkeit.

ZeroCovid gilt als linke, radikale Antwort auf die Corona-Pandemie. Ist sie das?

Noch vor zwei Jahren hätte ich nicht erwartet, dass die Bekämpfung einer Pandemie, die die gesamte Bevölkerung betrifft, ein spezifisch linkes Anliegen werden könnte. Dass die extreme Rechte kranke oder schwache Menschen sterben lassen will, ist nicht überraschend. Wenn die liberale Mitte jedoch beschließt, zwischen Schutz des Lebens und Schutz der nationalen Wirtschaftsleistung abzuwägen und letzterer dabei den Vorrang einräumt, dann scheint Pandemiebekämpfung zu einer linken Aufgabe zu werden.

Jetzt ist die Idee bei Linken auch umstritten, etwa wenn es um staatliche Macht und Überwachung zur Umsetzung eines Shutdowns geht…

Es ist gut, dass es eine breite linke Diskussion über die Kampagne gibt. Aber ich glaube, dass ein größerer Teil der Diskussion das Naturverhältnis der Pandemie aus dem Blick verliert und sich vor allem am Staatsverhältnis abarbeitet. Die staatlichen Maßnahmen werden gewohnheitsgemäß kritisch hinterfragt. Die Frage, wie die Ausbreitung des Virus gestoppt werden kann, wird aber oft gar nicht erst gestellt. Dabei geraten die Verbindungen aus dem Blick: Ist ein kurzer und konsequenter Shutdown, der auf null Infektionen zielt, autoritärer als langfristige Maßnahmen, die die Arbeitszeit aussparen, aber die Freizeit einschränken – und gleichzeitig nicht verhindern können, dass so viele Menschen erkranken und sterben? Für die aktuelle Politik ist es gewissermaßen in Ordnung, wenn Leute sterben, es sollen nur nicht zu viele sein.

Die westlichen Regierungen reagieren auf die Pandemie im Modus einer neoliberalen Gouvernementalität, das heißt durch die Individualisierung von Politik: Pandemiebekämpfung soll Sache der Eigenverantwortung sein. Das kann nicht funktionieren. Schließlich stecken die Menschen nicht nur sich selbst an, sondern – meist ohne es zu wissen – auch andere. Die Pandemie, die unsere radikale Abhängigkeit voneinander zum Ausdruck bringt, lässt sich nicht individuell besiegen, sondern nur gesellschaftlich, solidarisch.

Vergisst ein europäischer Shutdown nicht Menschen auf der Flucht und an den EU-Außengrenzen?

Wenn von Reisebeschränkungen die Rede ist, sind davon in der absoluten Mehrheit reiche Europäer*innen und US-Amerikaner*innen betroffen. Das sind die Menschen, die am häufigsten durch die Welt jetten. Im Verhältnis dazu sind Menschen, die aus ärmeren Ländern nach Europa oder in die USA reisen, eine Minderheit. Das zeigt sich auch am Infektionsgeschehen: Der Virusstrang aus Wuhan ist fast verschwunden, die Virusstränge, die jetzt in der ganzen Welt dominieren, haben ihren Ursprung meist in Europa.

Es geht auch nicht darum, Menschen das Reisen zu verbieten, sondern zu verhindern, dass das Virus mitreist. Auch in Länder, die Covid bereits besiegt haben, sind Einreisen ja möglich: aus anderen covidfreien Regionen sowieso und aus Risikogebieten wie Europa mit Quarantäne für zwei bis drei Wochen und Tests. Je triftiger der Grund für eine Reise ist, umso wichtiger ist es, dass sie stattfinden kann. Flucht ist natürlich einer der triftigsten Gründe dafür, eine Grenze zu überschreiten – im Gegensatz zu Abschiebungen, die mindestens für die Dauer der Pandemie ausgesetzt werden müssen. Und was die Lager an den EU-Außengrenzen angeht, in denen Menschen unter miesesten hygienischen Bedingungen zusammengepfercht sind – ihre Auflösung ist auch aus gesundheitspolitischer Perspektive eine Notwendigkeit.

Rund 100.000 Menschen haben die Petition zu #ZeroCovid unterzeichnet, die Initiative ist extrem erfolgreich. Wie geht es weiter?

Momentan bilden sich verschiedene Aktions- und Vernetzungsgruppen. Wir stellen Verbindungen her zur britischen Kampagne Zero Covid UK, die stark von Gewerkschaften vorangetrieben wird, und zum internationalen Bündnis Zero Covid Alliance. Leute aus der Pflege und medizinischen Berufen sind bereits ein zentraler Pfeiler unserer Initiative, aber jetzt sprechen wir vermehrt mit Menschen aus weiteren Arbeitsbereichen. Ihre Berichte aus den Betrieben sind oft haarsträubend. Wir stellen Verbindungen her und bieten Unterstützung beim Organisieren an. Gleichzeitig bilden sich immer mehr Ortsgruppen, bei denen Leute leicht mitmachen können.

Aktuell sinken die Coronazahlen etwas. Ändert das was an der Kampagne?

Wenn das so weitergeht, wäre das natürlich erfreulich. Aber wir haben ja im letzten Jahr gesehen, wie es läuft: In Deutschland hätte die Pandemie direkt im Februar und März 2020 erstickt werden können. Dann wäre es im Frühsommer, als die Zahlen wirklich niedrig waren, möglich gewesen, auf null Infektionen oder eine verfolgbare, sehr niedrige Inzidenz zu kommen und eine zweite Welle zu verhindern. Stattdessen wurden, vorangetrieben von der Wirtschaftslobby, „Lockerungen“ durchgedrückt. Wir können also davon ausgehen, dass die Zahlen jetzt langsam sinken, Maßnahmen dann frühzeitig aufgehoben werden und sich das Spiel wiederholt – allerdings auf schlimmeren Niveau, wenn Virusvarianten sich schneller verbreiten oder gar der Impfung entwischen. Das müssen wir verhindern.

Wie das?

Es ist unmöglich zu warten, bis genügend Menschen geimpft sind, wir müssen die Pandemie vorher beenden. Die Impfung kann dann verhindern, dass sie zurückkehrt. Und zwar auf globalen Niveau. Dann geht es darum, die ökologischen und ökonomischen Ursachen der Seuchen anzugehen, um eine Wiederholung zu unterbinden.

Wie soll das finanziert werden?

Die letzte Krise, die Finanzkrise, wurde auf Kosten der Teile der Gesellschaft bewältigt, die über besonders wenige Ressourcen verfügen. Etwas ganz Ähnliches zeichnet sich auch jetzt wieder ab. Das ist widersinnig. In einer Krise muss jede Gesellschaft auf Rücklagen aus besseren Zeiten zurückgreifen. In kapitalistischen Gesellschaften befinden sich diese Rücklagen zum Großteil in privaten Händen.

Bini Adamczak (Berlin) arbeitet als Philosophin und Künstlerin vor allem zu Fragen gesellschaftlicher Transformation. Ihr findet sie auf Facebook, Twitter und Instagram. Das Interview wurde von Birthe Berghöfer geführt und zuerst in Supernova und nd veröffentlicht.

Erschienen in „ZeroCovid-Solidarität in Zeiten der Pandemie“ Nr. 1