Drei Millionen Corona-Tote und die Solidarität

zeroCovid-Redaktion

Der Erste Mai hat in diesem Jahr einen dreifach bedrückenden Hintergrund. Erstens kann vielerorts nur unter Einschränkungen für die Rechte der Arbeitenden und der Erwerbslosen demonstriert werden. Zweitens gedenken wir der mehr als drei Millionen Menschen, die weltweit binnen 15 Monaten durch die Corona-Pandemie den Tod fanden. Davon rund eine Million in Europa. Mehr als 100.000 in den drei deutschsprachigen Ländern. Allein in Deutschland mehr als 80.000. Wir erleben die größte Pandemie seit der Spanischen Grippe, also seit gut 100 Jahren. Drittens zeigen sich in dieser Pandemie der Klassencharakter der Gesellschaft und die Dominanz von Männerherrschaft so deutlich wie kaum je zuvor: Im Corona-Jahr 2020 wurden die Reichen sprunghaft reicher. Die Armut weitete sich dramatisch aus. Die Gewalt gegen Frauen und Kinder nahm massiv zu. Das Covid-19-Virus wütet besonders heftig unter den Menschen, die in beengten Verhältnissen leben, für die Home Office keine Alternative ist beziehungsweise unter Menschen, die im globalen Süden in Elendsvierteln leben. Beispiel Brasilien. Dort starben im April täglich mehr als 3000 Menschen im Zusammenhang mit Corona. Mehr als drei Viertel von ihnen zählen zum ärmsten Teil der Bevölkerung.

Doch man muss nicht nach Brasilien schauen, um den Zusammenhang von Ausbeutung, Armut und Corona zu erkennen. Seit April schuften wieder 300.000 Menschen aus Osteuropa auf deutschen Äckern und Feldern. Der reale Stundenlohn – nach diversen Abzügen – liegt meist unter fünf Euro. Der Skandal im Skandal: Diese Menschen haben grundsätzlich keine Sozialversicherung und nicht selten nur eine private Krankenversicherung, bei der die Corona-Kosten ausdrücklich ausgeschlossen sind. Bis 2019 war Erntehilfe durch ausländische Arbeitskräfte auf 70 Tage im Jahr begrenzt. 2020 wurden daraus 115 Tage. Das sollte die Ausnahme sein, wurde jedoch nun für 2021 verlängert. Die Marktpreise für Spargel und Erdbeeren in den deutschen Supermärkten sollen eben niedrig bleiben und eine Exportoffensive der Agrarwirtschaft ermöglichen. Bereits 2020 kam es bei Erntehelferinnen und Erntehelfern zu Tausenden Infektionen, zu hunderten Covid-19-Erkrankungen und zu einigen Corona-Toten. Das ist auch für 2021 vorprogrammiert. Es gilt die Formel: Bulgarische Arbeitskräfte auf deutschen Feldern + Dumpinglohn = französische Bauern im Ruin.

Merkel, Macron & Kurz behaupten: „Wir tun in der Pandemie unser Bestes“. Das trifft nicht zu. In mehr als einem Dutzend Ländern mit mehr als 1,8 Milliarden Menschen gibt es ein Leben nahe Zero Covid. U.a. in Taiwan, Neuseeland, Australien, Vietnam, Südkorea und China. Dort können die Menschen seit langem weitgehend ihr gewohntes Alltagsleben führen. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: Erstens haben die meisten dieser Länder sehr früh die Covid-19-Gefahr erkannt und angemessen reagiert. Zweitens wird dort in weiten Teilen eine Gesundheitspolitik verfolgt, bei der die Eindämmung der Infektionen auf nahe Null das Ziel ist. Damit wird ein Zustand erreicht, bei dem Infektionsketten verfolgt und die Epidemie weitgehend gestoppt werden können. Das wiederum reduziert die Zeiten, in denen harte Restriktionen und Lockdowns notwendig sind – womit auch die psycho-sozialen Lockdown-Folgen minimiert werden. Stattdessen gab es in Europa in den ersten 10 Wochen des Jahres 2020 das skandalöse Herunterspielen der Pandemiegefahr. Das Virus durfte sich flächendeckend auszubreiten. Seit nunmehr 14 Monate gibt es diese erbärmlich einfallslose Jojo-Lockdown-Politik. Bereits die zweite Pandemiewelle im Herbst 2020 wurde fahrlässig provoziert. Die aktuelle, dritte Welle wurde politisch produziert – durch eine verantwortungslose Debatte über Öffnungen und sogenannte „Modellversuche“. Darüber hinaus befindet sich das Gesundheitssystem weiterhin in einem schlechten Zustand. In Deutschland wurden 2020 weitere 20 Kliniken geschlossen. Es fehlen 100.000 Pflegekräfte – weil ihnen die Klinik-Betreiber zu viel aufbürden und zu wenig bezahlen. Kurzum: Die Politik ist verantwortlich für den unnötigen Tod von Hunderttausenden.

Im DGB-Aufruf zum 1. Mai 2021 heißt es: „Nur gemeinsam mit allen Beschäftigten und mit Unternehmen, die nicht auf schnelle Profite setzen, wird es uns gelingen, rasch die Krise zu überwinden.“ Der Gewerkschaftsbund präsentiert damit eine verkehrte Welt. Tatsachen sind: Alle großen Konzerne und Banken nutzen die Corona-Krise, um „schnelle Profite“ zu erzielen und Jobs abzubauen. Während der private Bereich, Kleinunternehmen und kleine Selbständige von den Corona-Maßnahmen hart getroffen sind, bleibt die eigentliche Produktionssphäre strikt ausgeklammert. Dort, wo – z.B. in der Fleischindustrie, auf dem Bau und in Logistikzentren – Tests vorgenommen werden, zeigt sich: Das Virus zirkuliert gerade dort. Hunderttausende Menschen, die in Betrieben, Büros und auf Baustellen tagtäglich arbeiten, werden unnötig der Gefahr einer Infektion ausgesetzt. Es geht exakt nur um „schnelle Profite“.

Es sind weltweit die Bolsonaros, Lindners, Gaulands, alle Unternehmervertreter und die politische Rechte, die sagen: Lockdown im Allgemeinen ist schlecht. Die Wirtschaft im Besonderen muss außen vor bleiben. Wir sagen: Bleibt das so, dann wird sich das Virus immer wieder aufs Neue ausbreiten. Solidarität am 1. Mai und darüber hinaus heißt: Notwendig ist ein solidarischer Shutdown. Getragen von unten. Mit dem Ziel Zero Covid. Mit dem Ergebnis: Rettung von Tausenden Menschenleben. Dabei müssen auch alle nicht-systemrelevanten Bereiche der Wirtschaft für eine gewisse Zeit heruntergefahren und ein flächendeckender Schutzschirm für alle dort Beschäftigten aufgespannt werden. Die Gewerkschaften müssen ihrer Pflicht nachkommen: Schutz der Lohnabhängigen. Nach drei tödlichen Pandemiewellen ist klar: Die Regierenden schützen nicht uns, sie schützen Konzerne, Kapital und Big Pharma. Die große Mehrheit der Menschen schützt sich individuell und trägt dazu bei, die gesellschaftliche Katastrophe einzudämmen. Wichtig ist jedoch gemeinsames Handeln. Es gilt, sich selbst zu organisieren. Unser Leben ist mehr wert als ihre Profite.

Das Virus. Der Mensch. Das Kapital

Bini Adamczak

Weniger als hundert Jahre liegen zwischen dem Tag, an dem ein Virus zum ersten Mal direkt beobachtet wurde, und dem Tag, an dem es an seiner Fortpflanzung gehindert, in ein anderes Virus eingebaut oder geteilt und in Fettkügelchen (Lipidnanopartikel) verpackt werden kann. Doch dieselbe Menschheit, die gleich mehrere Impfstoffe gegen eine Epidemie binnen weniger Monate zu entwickeln vermag, schließt sogleich einen Großteil ihrer Mitglieder mittels Patentrecht von deren Gebrauch aus. Noch in der radikalen Erfahrung von Gleichheit angesichts einer erdumspannenden Gefahr scheint die Menschheit um nichts mehr bemüht als darum, die Ungleichheit zu erhalten. Das unterscheidet die historische Situation, die wir erleben, von den Film-Drehbüchern, in denen eine allgemeine Bedrohung die Konkurrenten aller Länder zur Besinnung kommen lässt und die Menschheit vereint. Vielleicht rührt ein Teil der Verwirrung angesichts des fortgesetzten Irrsinns auch daher.

Das Virus, das nur wenige Wochen gebraucht hat, um von Menschenmund zu Menschenmund einmal um die Erde zu reisen, hat einen Begriff der Menschheit in Erinnerung gerufen, der in der Philosophie, auf dem indischen Subkontinent oder dem afrikanischen Kontinent lebendig ist, aber in Europa oder USA in Vergessenheit gehalten wird. Gleichzeitig gleich und ungleich. Es ist dieselbe Menschheit, die immer mehr Wissen über immer kleinere Bereiche hervorbringt, und nicht allzu viel mit diesem Wissen anzufangen weiß. Dieselbe Menschheit, die mit tagesgenauer Präzision pandemische Wellen prognostiziert und bei jeder neu überrascht ist, wenn sie tatsächlich eintritt. Es ist dieselbe Menschheit, die mit den mRNA Verfahren beginnt, organische Nanomaschinen zu bauen und immer noch Kohle aus dem Tagebau kratzt, um sie an der Luft zu verfeuern. Dieselbe Menschheit, die ihre ununterbrechbare Verbundenheit mit Fledermäusen, Hunden, Nerzen erkennt und weiterhin meint, nichtmenschliche Ti ere aus ihrer geschlossenen Gesellschaft heraushalten zu können. Dieselbe Menschheit, die immer verfeinerte Produktivkräfte entwickelt und sich durch die immer selben Produktionsverhältnisse um deren Genuss bringen lässt.

Es ist das anhaltende Drama des Kapitalismus, das diese Menschheit aufführt, wenn sie nur ein Jahr braucht, um mehrere Impfstoffe zu entwickeln, die eine tödliche Krankheit in eine milde Erkältung verwandeln, aber mindestens drei Jahre, um sie auch den Armen zu geben.

Bini Adamzcak ist Philosophin und Künstlerin und lebt in Berlin.