#FAQ: Ist es für #ZeroCovid schon zu spät?

Yaak Pabst

#ZeroCovid fordert einen Strategiewechsel in der Pandemiebekämpfung. Von ganz links bis rechts hagelt es Kritik: weltfremd, kapitalhörig, halbtotalitäre Fantasie. Was ist dran an der Kritik? Wie geht es in den nächsten Monaten weiter?

Wer ist die Initiative #ZeroCovid?

#ZeroCovid ist eine Initiative, die sich für einen grundsätzlichen Strategiewechsel in der Pandemiebekämpfung einsetzt. #ZeroCovid kritisiert die undemokratische, unsoziale und ineffektive Lockdown-Jojo Politik der Regierenden. Mehr als 100.000 Menschen haben den Aufruf von #ZeroCovid bereits unterschrieben – darunter viele Aktive aus verschiedenen Parteien, Gewerkschaften oder Frauenorganisationen, genauso wie Kulturschaffende, Gesundheitsarbeiterinnen oder Studierende.

Wofür steht #ZeroCovid?

#ZeroCovid setzt sich, wie viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder auch andere Initiativen, für eine Niedrig-Inzidenz-Strategie ein – also für eine radikale Reduzierung der Fallzahlen bis nahe Null. #ZeroCovid ist aber eine linke Initiative. Deswegen ist #ZeroCovid gegen Demonstrationsverbote und für den Schutz derer, die von der herrschenden unsozialen Lockdown-Politik besonders hart getroffen werden.

Ist #ZeroCovid kapitalhörig?

Nein. Im Unterschied zu anderen Konzepten hat #ZeroCovid Forderungen entwickelt, welche die Arbeitswelt in die Pandemiebekämpfung miteinbeziehen. #ZeroCovid ist außerdem für eine solidarische Umverteilung der Kosten der Krise. Die Reichen und nicht die Armen sollen diese Krise bezahlen. Die Initiative steht dafür ein, dass Impfstoffe globales Gemeingut werden und das Gesundheitssystem massiv ausgebaut wird. Ganz grundsätzlich steht dahinter ein Gedanke: Gesundheitsschutz vor Profitinteressen.

Warum kritisiert #ZeroCovid die herrschende Lockdown-Politik der Regierungen?

Die Pandemie hat sich weltweit beschleunigt und vertieft: Mehr als 137 Millionen Infizierte und fast drei Millionen Tote sind die traurige Bilanz. In Europa infizierten sich bisher mehr als 45 Millionen Menschen und mehr als eine Millionen Menschen sind durch Covid-19 gestorben. Dieses Desaster ist Folge der gewählten Mittel-Inzidenz-Strategie der meisten Regierungen („Flatten-The-Curve“).

Aber ist es für eine Niedrig-Inzidenz-Strategie nicht längst zu spät?

Nein. Auch während einer Impfkampagne ist es von großem Vorteil, niedrige Fallzahlen zu erreichen. Hohe und selbst mittlere Fallzahlen geben dem Virus die Chance zu sogenannten Fluchtmutationen (Escape-Varianten). Davor warnen Forschende seit Beginn der Pandemie. Wenn dem Virus erlaubt wird „mit uns zu leben“, obwohl Millionen Menschen noch keinen Immunschutz besitzen, können neue gefährlichere Varianten des Erregers entstehen – nicht nur durch Mutationen, sondern auch durch Kreuzungen. So könnten Virenstämme entstehen, welche die Eigenschaften mehrerer Mutationen verbinden und den Immunschutz durch eine Impfung umgehen. Diese Escape-Varianten können sich dort entwickeln, wo viele Menschen geimpft sind und gleichzeitig eine hohe oder mittlere Inzidenz herrscht. Deswegen ist es nicht zu spät für #ZeroCovid. Eine Niedrig-Inzidenz-Strategie ist eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Impfstrategie.

Aber Länder, die mit einer solchen Strategie erfolgreich waren, sind entweder Diktaturen oder Inselstaaten. Ist eine solche Perspektive für Europa nicht unrealistisch?

Um eine Seuche erfolgreich zu bekämpfen, ist weder eine Insellage noch eine Diktatur mit autoritärem Polizeistaat nötig. Das 1×1 der Epidemiologie ist Schnelligkeit. Dazu gehört: testen, nachverfolgen, schützen und schließlich impfen. An diesen simplen Grundvoraussetzungen scheitern jedoch die meisten Regierungen. Auch auf einer Insel würde sich das Virus exponentiell verbreiten, wenn es nicht konsequent gestoppt wird, dasselbe gilt für Diktaturen. In Europa wäre es nicht schwer, die Seuche nachhaltig zu bekämpfen. Viele Länder sind reich und haben die finanziellen Möglichkeiten, um medizinisch-technische Hilfsmittel zu organisieren, die dafür nötig sind: kostenfreie PCR-Massentests und FFP-2 Masken sowie den massiven Ausbau des Gesundheitssystems, speziell jener Bereiche, die für Seuchenprävention, Kontaktverfolgung und großflächige Public-Health-Screenings benötigt werden. Es ist eher umgekehrt: Die Mittel-Inzidenz-Strategie der Regierungen in Europa führt dazu, dass die Gesellschaften im Dauerlockdown verharren und in diesem Kontext die Bürger- und Freiheitsrechte dauerhaft massiv eingeschränkt werden.

Geht es #ZeroCovid also nur darum, einen noch „härteren“ Lockdown durchzusetzen?

Nein. Es geht um einen effektiveren Lockdown, der diejenigen schützt, die besonders von der Pandemie betroffen sind – sowohl in sozialer als auch in gesundheitlicher Hinsicht – und der in einen grundsätzlichen Strategiewechsel eingebettet sein muss. „Hart“ kann vieles bedeuten. Das Wort verdeckt aber die notwendige Diskussion darüber, welche Maßnahmen eigentliche effektiv sind. Ausgangssperren sind hart, aber nicht effektiv. Homeoffice-Pflicht ist effektiv, aber nicht hart. Ein Lockdown ist dann besonders effektiv, wenn jene gesellschaftlichen Bereiche geschlossen werden, in denen vermehrt Infektionsketten entstehen: Das sind besonders die Innenräume von Fabriken, Büros oder Schulen. Ziel sollte ein Inzidenzwert von höchstens 10 Fällen pro 100.000 Einwohnern sein. Erst mit diesem tiefen Niveau wird es möglich sein, jede Ansteckung einzeln zu verfolgen. Für dauerhaft niedrige Fallzahlen hat #ZeroCovid einen Stufenplan entwickelt.

Wie geht es in den nächstenMonaten weiter? Was muss jetzt getan werden?

Wir befinden uns mitten in der dritten Infektionswelle. Auch eine vierte oder fünfte Welle ist nicht ausgeschlossen. Die Inzidenzen steigen, die Intensivstationen füllen sich und mit den Virus-Mutationen drohen mehr schwere Verläufe und noch mehr gesundheitliche Langzeitschäden – auch für Jüngere. Nur niedrige Fallzahlen haben Vorteile für alle: Ob Schülerinnen oder Krankenpfleger, ob Supermarktverkäufer oder Rentnerinnen – wenn die Seuche unter Kontrolle ist, stecken sich weniger Menschen an und die Infektionsketten können nachvollzogen werden. Niedrige Fallzahlen retten Leben und ermöglichen eine sichere Rückkehr zu gesellschaftlichen Aktivitäten. Bei niedrigen Fallzahlen können die Schulen und Kitas ohne Risiko geöffnet werden und die Menschen in systemrelevanten Jobs oder die ein besonders hohes Risiko haben, an COVID-19 zu erkranken, werden nicht unnötig gefährdet. Für eine solche Perspektive gilt es, Druck zu machen.


Pflege: Entlastung durch Belastung

14.00, mein Telefon klingelt. Ich bin seit einer Stunde wach, probiere aus meinem Nachtdienst-Rhythmus zu kommen. Meine Chefin ist dran, ob ich nicht noch zwei Nächte machen könnte, der Kollege ist krank. Corona. Ich lege mich wieder ins Bett. Es werden meine fünfte und sechste Nacht sein. Mein Kollege allerdings wird vier Wochen nicht mehr zum Arbeiten kommen und noch länger mit Folgeerscheinungen kämpfen. Er ist einer von Vielen. 241 Kolleg:innen sind bereits verstorben.

Beim Lesen der Neuigkeiten zum Maßnahmenpaket des Gesundheitsministeriums stoße ich auf den Artikel „Gute Pflege, auch in Zeiten des Coronavirus“. Darin beschrieben: Maßnahmen, die dazu dienen sollen Pflegebedürftige und Pflegekräfte zu entlasten. Unter Punkt sechs wird das Aussetzen des Pflegepersonalschlüssels gelistet. Bei Pflegemangel und hohen Erkrankungs- und Todeszahlen in dem Beruf bedeutet das für die verbleibenden Kräfte Überstunden und Überarbeitung. Das ist keine Entlastung. Aber Pflege soll vor allem eins: funktionieren. Sie muss seit Jahrzehnten die Folgen einer profitorientierten Politik abfangen; den Laden am Laufen halten. Den Mund halten. Nicht beschweren. Nicht streiken. Was wäre denn Entlastung? Wir müssen diese Pandemie so schnell wie möglich beenden!

Christina Zacharias, Karlsruhe