Impfstoffe sind keine Allheilmittel

Das Beispiel Großbritannien

Roy Wilkes

Auch eine stehen gebliebene Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit an. Das Glücksspiel von Boris Johnson, 400 Millionen Dosen verschiedener Impfstoffe vorzubestellen, scheint sich ausgezahlt zu haben.

Dank einer außergewöhnlichen Anstrengung der lokalen Gesundheitsbehörden (im krassen Gegensatz zum Fiasko der privatisierten Test- und Rückverfolgungsfirmen im letzten Sommer) sind nun über 30 Millionen Erwachsene in Großbritannien geimpft worden. Mehr als acht Millionen haben bereits zwei Dosen erhalten. Der partielle Lockdown, der Anfang Januar in Kraft trat, war ebenfalls sehr wirksam: Die Zahl der Personen, die positiv auf Covid getestet wurden, sank auf unter 2.500 pro Tag, und die Zahl der täglichen Todesfälle liegt bei unter 40.

Aber der Schein kann trügen. Alles auf die Impfung zu setzen, ist immer noch ein unverantwortliches Spiel mit unser aller Leben. ZeroCovid UK hat immer gesagt, dass es eine offene Einladung zur Mutation des Virus ist, wenn man sich ganz auf Impfstoffe verlässt und das Virus frei zirkulieren lässt. Wir wissen jetzt, dass die aus Südafrika stammende Variante 501Y.V2 [bzw. B.1.351] gegen die Impfstoffe von Astra Zeneca und Pfizer teilweise resistent ist. Weil im Süden Londons diese Variante entdeckt wurde, musste die gesamte Bevölkerung der betroffenen Stadtbezirke, insgesamt 650 000 Menschen, zu Tests antreten, um zu versuchen, die Übertragung dieser besorgniserregenden Variante zu stoppen.

Keiner von uns ist sicher, bis wir alle sicher sind. Das Virus ist immer noch in vielen Ländern verbreitet, insbesondere in Brasilien und Indien, aber zunehmend auch in Europa. Es wird neue Varianten geben, und einige von ihnen werden noch resistenter gegen Impfstoffe sein, als es 501Y.V2 ist. Kampagnen für Impfstoffgerechtigkeit sind daher wichtiger denn je. Jonas Salk, der den Polio-Impfstoff entdeckte, weigerte sich, diesen zu patentieren, mit dem Argument, dass dies so wäre, als wolle man „die Sonne patentieren“. Astra Zeneca zum Beispiel verlangt von afrikanischen Ländern mehr als das Doppelte des Preises, der in Europa gezahlt wird.

Aber die wichtigste Lektion von 501Y.V2 ist, dass die Impfung kein Wundermittel ist, das uns aus der Covid-Krise herausführt. Impfstoffe müssen Teil einer Eliminierungsstrategie sein. Sie können eine solche Strategie nicht ersetzen. Wir werden immer noch Schulen und nicht-notwendige Arbeitsplätze schließen müssen, um die Übertragung in der Bevölkerung einzudämmen. Und vor allem brauchen wir ein lokal gesteuertes und effektives System des öffentlichen Sektors zum Aufspüren, Testen, Verfolgen, Isolieren und Unterstützen (Find, Test, Trace, Isolate and Support – FTTIS), um das absurd ineffiziente und ineffektive, aber hochprofitable Unternehmen Serco – u.a. Betreiber von Covid-19-Testzentren – zu ersetzen.

Die Unterstützungskomponente von FTTIS ist entscheidend. Covid hat die Ärmsten unserer Gesellschaft am härtesten getroffen, schwarze und asiatische Gemeinschaften am härtesten. Das Virus hat sich am stärksten unter schlecht bezahlten Arbeitskräften mit unsicheren Jobs verbreitet, die es sich nicht leisten können, sich selbst zu isolieren. Wer positiv getestet wird, muss volle finanzielle und soziale Unterstützung erhalten, sonst macht es buchstäblich keinen Sinn, Menschen aufzuspüren und zu testen. FTTIS ist jetzt eine der wichtigsten Kampagnenprioritäten für Zero Covid.

Trotz einer Zahl von 130.000 Toten und einer Pro-Kopf-Todesrate, die sogar höher ist als die der USA oder Brasiliens, sonnt sich die Johnson-Regierung derzeit in der Popularität eines „Impfstoff-Booms“. Dieser Aufschwung könnte jedoch sehr kurzlebig sein, insbesondere, wenn eine impfstoffresistente Variante eine katastrophale dritte Welle einleitet. Eine Null-Covid-Strategie wird gebraucht, jetzt mehr denn je.

Roy Wilkes ist Sekretär bei Zero Covid UK


Pandemie-Desaster Brasilien

Bolsonaros Politik fordert bis Ende April 400.000 Corona-Tote

Bea Sassermann

Nachdem Brasilien im März 2021 mit 66.000 Covid-19-bedingten Todesfällen den tödlichsten Monat der Pandemie erlebte, könnten allein im April 100.000 Todesfälle zu verzeichnen sein, so eine Analyse des Institute for Health Metrics and Evaluation an der University of Washington, USA. Die Prognose sagt auch, dass sich die Gesamtzahl der Todesfälle bis zum 1. Juli auf 600.000 belaufen könnte. Die Abwesenheit jeglicher Kontrolle der Pandemie führt dazu, dass Brasilien derzeit ein Drittel aller täglich durch Covid-19 verursachten Todesfälle weltweit verzeichnet, obwohl es nur 2,7 % der Weltbevölkerung hat.

Die Krankenhäuser kollabieren. Tausende von Menschen stehen Schlange und warten auf ein Intensivbett. Der Vorrat an Hilfsmitteln für die Behandlung (Sauerstoff, Medikamente usw.) geht zur Neige. Auch das Bestattungswesen zeigt Anzeichen eines Zusammenbruchs. São Paulo zum Beispiel verzeichnet bereits mehr als 400 Bestattungen pro Tag und einen Mangel an Särgen.

Diese Katastrophe ist Ergebnis von Bolsonaros todeswütige Regierung. Eine kriminelle Regierung, die sich restriktiven Maßnahmen widersetzt; die sich weigert, Impfstoffe für die Bevölkerung zu garantieren und die nur eine magere Nothilfe zahlt, wodurch die Menschen gezwungen sind, sich zwischen Hunger und Ansteckung zu entscheiden.

Bevölkerung unterstützt restriktive Maßnahmen

Während täglich 3.000 Menschen an Covid-19 sterben, wächst laut einer Umfrage die Unterstützung der Bevölkerung für Maßnahmen zur sozialen Distanz. Danach unterstützen 71% die Maßnahmen zur Reduzierung der Öffnungszeiten von Handel und Dienstleistungen generell. 59% sind der Meinung, dass es in dieser Zeit wichtiger ist, die Menschen zu Hause zu lassen. Diese Einstellung basiert auf den eigenen Erfahrungen der Bevölkerung. In Brasilien hat fast jede Familie ein Corona-Todesopfer zu beklagen.

Studien belegen, dass die Wahrscheinlichkeit an der Krankheit zu sterben für eine „farbige“ Person um 42 Prozent höher als für eine weiße Person. Für eine „schwarze“ Person ist das Risiko um 77 Prozent höher.

Der Mangel an Impfstoffen und das völlige Fehlen einer finanziellen Absicherung schaffen perfekte Bedingungen für die Entstehung neuer Mutanten und die Zunahme der Wirkungslosigkeit der verfügbaren Impfstoffe.

So ist der Kapitalismus. Die Regeln des Marktes werden von riesigen Monopolen diktiert, die Milliarden verdienen, während die Mehrheit der Menschheit unter der Pandemie leidet. Ungefähr 60 Prozent der Impfstoffe, die im Jahr 2021 produziert werden, wurden bereits von Ländern monopolisiert, die 16 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren. Um weitere 40 Prozent der zu produzierenden Dosen kämpfen 84 Prozent der Menschen.

In Brasilien gibt es 30 Anlagen zur Herstellung von Impfstoffen für Rinder und nur zwei für Humanimpfstoffe. Es ist möglich, diese Fabriken für die Produktion von Impfstoffen gegen Coronaviren umzubauen.

Impfstoffe für alle! Weg mit Bolsonaro! Das ist eine grundlegende Voraussetzung, um der Pandemie zu begegnen und Leben zu retten. Shut-down von 30 Tagen und Testen der gesamten Bevölkerung!

Um eine wirksame Quarantäne zu garantieren, wird eine Soforthilfe für alle Beschäftigten von mindestens 600 Real [etwa 90 Euro] bis zum Ende der Pandemie benötigt – mit Arbeitsplatzsicherheit, bezahlter Freistellung für Beschäftigte in Industrie und Handel. Für vom Konkurs bedrohte kleine Unternehmen sind ebenfalls eine Soforthilfe und die Aussetzung von Steuern und Gebühren notwendig.

Gesundheitsstreik zur Verteidigung des Lebens! Die Arbeitenden sind kein Kanonenfutter. Sie akzeptieren nicht, dass sie ihr eigenes Grab schaufeln, während das Land im Zusammenbruch versinkt. Es ist notwendig, einen Gesundheitsstreik in den Fabriken und großen Einzelhandelsgeschäften zu diskutieren, vorzubereiten und zu organisieren, der es ermöglicht, bei vollem Lohn zu Hause zu bleiben.

Staatsschulden aussetzen und Milliardäre besteuern! Die Hälfte des Staatshaushaltes geht für den Schuldendienst drauf. Wir müssen ihre Zahlung aussetzen und die Reichen besteuern.

Beatrix Sassermann basierend auf Artikeln von der Webseite der Partei PSTU


Schweizer Wirtschaftsverbände: offen sozialdarwinistisch!

Seit Mitte März 2021 baut sich auch in der Schweiz die dritte Welle auf. Ungeachtet dieser brisanten Lage verschärfen die Wirtschaftsliberalen ihren Ton. Sie widersetzen sich den geringsten Einschränkungen. Die Kapitalverwertung muss weitergehen und deshalb sprechen sie jetzt sozialdarwinistischen Klartext. Zunächst erklärt Arbeitgeberverbandspräsident Valentin Vogt am 9. April: Wenn die Risikopatient:innen geimpft seien, könne die Schweiz bis zu 30.000 (!) Neuansteckungen pro Tag verkraften. Diese Einschätzung basiert auf einem Papier, das schon im Februar zusammen mit dem neoliberalen Unternehmerverband economiesuisse verfasst wurde. Am 12. April legt der nationalkonservative Schweizerische Gewerbeverband (SGV) nach und fordert eine sofortige Beendigung des Lockdowns. Generell sei die Pandemiepolitik zu einseitig auf gesundheitspolitische Überlegungen ausgerichtet, kritisiert SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler. Zudem sei der Einfluss der wissenschaftlichen C ovid-19-Taskforce – eine der wenigen besonnenen Stimmen im Land – nach wie vor zu groß. Das Ergebnis dieser menschenverachtenden Politik: In der Schweiz sterben seit Beginn der Pandemie im europäischen Vergleich überdurchschnittlich viele Menschen an Covid-19. Eva L. Blum und Philipp Gebhardt (Bewegung für den Sozialismus Zürich)