Von Krise zu Krise

Deutschland und die EU zerstören die Wälder und fördern so die Entstehung von Pandemien

Kathrin Hartmann

Die Europäische Union steht auf Platz zwei der „Weltrangliste der Waldzerstörer“: Laut einer Studie des Naturschutzorganisation WWF ist die EU durch ihre Importe für 16 Prozent der Tropenabholzung zwischen 2005 und 2017 verantwortlich. Das entspricht einem Waldverlust der vierfachen Fläche des Bodensees. Denn die EU importiert in großem Stil problematische Rohstoffe: vor allem Palmöl und Soja, aber auch Holz, Kakao, Kaffee und Rindfleisch. Innerhalb der EU ist Deutschland für die meiste Waldzerstörung verantwortlich: im Schnitt werden für die deutschen Importe jährlich mehr als 43.000 Hektar abgeholzt. Kein EU-Land produziert mehr Fleisch und Milchprodukte – vor allem für den Export. Dafür braucht es riesige Mengen von Futtersoja. Deshalb wurde das EU-Ziel, die Entwaldung bis 2020 zu stoppen, nicht erreicht. Im Gegenteil: 2020 ist der Waldverlust in den Tropen massiv gestiegen.

Die importierte Waldvernichtung verursacht ein Viertel der EU-Emissionen aus der Landwirtschaft. Das fördert Klimaerwärmung und Pandemien: Mehr als zwei Drittel der Erreger, die Epidemien wie Ebola, Zika oder die Vogelgrippe auslösten, stammen ursprünglich von Wildtieren, die in tropischen Regionen heimisch sind. Werden diese Lebensräume und intakte Ökosysteme zerstört, „führt das zu einem Verlust der Artenvielfalt und verändert die Zusammensetzung der Säugetierpopulationen“, erklärt die Virologin Sandra Junglen, die an der Berliner Charité Viren, die noch keinen Kontakt zu Menschen hatten, erforscht. „Weniger Artenvielfalt bedeutet mehr Tiere einer Art. Wenn mehr Tiere einer Art im selben Lebensraum vorkommen, können sich Infektionskrankheiten zwischen den Tieren einer Art besser verbreiten.“ Die industrielle Landwirtschaft dringt immer weiter in die letzten intakten Naturgebiete vor. Die Tiere – etwa Fledermäuse – verlager n ihre Lebensräume und nähern sich denen der Menschen an, was die Übertragungsraten in die Höhe treibt. Die industrielle Tierhaltung für die wachsende Fleischproduktion sorgt ebenfalls dafür, dass sich Erreger auf Nutztiere und von dort auf Menschen übertragen. Durch das globale Reisenetzwerk gelangen diese Viren rasch in die ganze Welt.

Der Agrarwissenschaftler Josef Settele spricht in seinem gleichnamigen Buch von der „Triple Krise“ aus Artensterben, Klimawandel und Pandemien. Er sagt eine Ära von Pandemien voraus: „Corona ist nichts gegen das, was noch kommt.“ Der Epidemiologe Rob Wallace untersucht, wie biologische, soziale und ökonomische Verhältnisse verknüpft sind und entwirft daraus eine „politische Virologie“. Er sagt: „Es sind globale Kapital- und Warenströme, die die Entwaldung, die industrielle Landwirtschaft und Fleischproduktion vorantreiben – und damit die Entstehung neuer Krankheiten. Die schlimmsten Krankheitsherde sind […] Hongkong, London und New York. Diese Zentren finanzieren die Abholzung und das Agribusiness.“ Nach der Finanzkrise 2008 haben Investmentfonds und Banken den Agrarsektor entdeckt und investierten in Land, Rohstoffe wie Palmöl und Soja sowie in die Fleischproduktion. Auch in Wuhan, wo der Ursprung des Corona-Virus vermutet wird. Wallac e: „Goldman Sachs übernahm 60 Prozent der Anteile an Shuanghui Development, einem chinesischen Agrarunternehmen. Das hatte zuvor Smithfield Foods gekauft, den weltgrößten Schweinefleischproduzenten aus den USA. Umgekehrt kaufte Goldman Sachs Geflügel- und Schweinefarmen in den Nachbarprovinzen von Wuhan. Dort werden Wildtiere, die für die Stadt gefangen werden, gegen Fledermäuse gedrängt, die SARS-Stämme beherbergen“.

Corona hat dieselbe strukturelle Ursache wie der Klimawandel und der Verlust der Biodiversität: die kapitalistische Produktion und die Ausbeutung von Natur und Menschen. Die Pandemie zeigt, wie sehr die ökologische und die soziale Frage zusammenhängen. Es ist wichtiger denn je, darüber nachzudenken, wie wir dieses System ändern können. Sonst schlittern wir von einer existentiellen Krise zur nächsten.

Kathrin Hartmann ist ZC-Autorin, Journalistin und Buchautorin. Zuletzt erschien: „Grüner wird´s nicht“.

Kommentare:

Deutschland – ein epidemiologisches Entwicklungsland

Wolfgang Hien

Dem RKI-Lagenbericht ist zu entnehmen: Nach einem Pandemie-Jahr, Mitte April 2021, sind in Deutschland 270 Gesundheits- und Sozialarbeiter/innen – also mitten „im Dienst“ – an Covid-19 verstorben. Von anderen Berufsgruppen wissen wir hierzulande nichts oder fast nichts. Britische und kalifornische Studien zeigen, dass aufgrund der SARS-CoV-2-Gefährdung – im Vergleich zu den Vorjahren – Pflegekräfte ein 2,5-faches und Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, in der Lebensmittelindustrie, auch Sicherheitspersonal, Taxifahrer/innen und einige weitere Berufsgruppen ein bis zu 2,5-fach erhöhtes Sterberisiko haben. Es sind die tatsächlich „systemrelevanten“ Arbeiter/innen am unteren Ende der Einkommensskala, die die härteste Arbeit leisten, besonders beengt wohnen und das höchste Risiko tragen. Die SARS-CoV-2-Gefährdung hat einen eindeutigen Klassencharakter. Doch genau dieses Wissen wollen Kapital und politische Elite hierzulande tunlichst „vo m Tisch“ haben. Ja: Sie tun alles, um dieses Wissen zu unterdrücken. Von Arbeiterklasse zu reden, ist – im Gegensatz etwa zu Großbritannien – hierzulande, auch für die meisten Medien, tabu. Epidemiologische Studien können die krassen Unterschiede im Arbeiten, Krankwerden und Sterben offenlegen. In Deutschland freilich haben wir die paradoxe Situation, dass diese Erkenntnisse durch einen vorgeblich strengen Datenschutz verunmöglicht werden. Die Nazi-Vergangenheit berechtigte zwar zu Ängsten, dass die Erfassung persönlicher Daten gegen uns gewendet werden – „Erfassung zur Vernichtung“ –, doch stellt sich die Situation heute anders dar: IT-Konzerne sammeln Daten für ihre globale Kontroll- und Manipulationsmaschine, und die politische Elite wird zu deren Lakai. Was wir – in einem für die arbeitenden Klassen nützlichen Sinne – bräuchten, wäre eine Epidemiologie, die die Risiken, in denen die Menschen arbeiten und leben, klar aufdeckt und damit Orientierungen gibt, die für Aufklärung und Widerstand genutzt werden können.

Dr. Wolfgang Hien lebt in Bremen. Er ist Arbeitswissenschaftler (Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biografie). Website: www.wolfgang-hien.de

Impfstoff-Imperialismus

Jonathan Schmidt-Dominé

Vor knapp einem Jahr startete COVAX, das Impfprogramm der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sein Versprechen, dass europäische Spenden eine global gerechte, bedarfsorientierte Impfstoffverteilung und damit ein rascheres und nachhaltiges Ende der Pandemie erlauben würden, erwies sich als Betrug: Von COVAX werden die Empfängerstaaten, die zusammen die Hälfte der Weltbevölkerung umfassen, bis Juli nur für 3%, bis Dezember für 20% ihrer Bevölkerung Dosen erhalten. Europa und die USA setzen alle Hoffnung in die Impfstoffe, die sie sich durch Exklusivverträge und Exportverbote sichern, bevor sie der WHO und den ärmeren Ländern zu Gute kommen können.

Es liegt in der Verantwortung der europäischen Länder und der USA, durch Technologietransfer Barrieren für den Produktionsausbau im globalen Süden so weit wie möglich aufzuheben. Während AstraZeneca, Gamaleya und Novavax die Produktion ihrer Impfstoffe in einigen Schwellenländern in gewissem Umfang bereits ermöglichen und die Wirksamkeit der Totimpfstoffe aus China und Indien beschränkt ist, liegt jetzt ein großes Potential in den hoch wirksamen und nebenwirkungsarmen mRNA-Impfstoffen: Auch sie bringen Engpässe bei Grundstoffen, Geräten und Fachkräften mit sich, doch ihr Herstellungsprozess ist besonders einfach, da er ohne Zellkulturen auskommt. Weit mehr Werke kommen für eine Umrüstung infrage. Wegen der einzigartig flexiblen Anpassbarkeit an Mutationen oder neue Krankheiten wäre der Nutzen langfristig. Die WHO hat daher am 16. April zur Errichtung eines Technologietransferzentrums für mRNA-Impfstoffe aufgerufen.

Es ist zu erwarten, dass die Länder mit großen Pharma-Konzernen, also die EU, USA, UK, Schweiz, Japan und ihre Verbündeten, auch diesem Vorstoß die kalte Schulter zeigen. Seit Oktober blockieren sie ebenso die Forderung von über 100 Staaten nach einer Patentaussetzung . Speziell Deutschland sucht auf den Wissensmonopolen von BioNTech/Pfizer und CureVac eine biotechnologische Vormachtstellung zu gründen. Gerade diesem nationalistischen Programm gilt es entgegenzutreten, um durch Exklusivnutzungsrechte verursachte Knappheit zu beseitigen und eine der gesamten Menschheit dienende pharmazeutische Forschung zu ermöglichen.

Jonathan Schmidt-Dominé ist Literaturwissenschaftler in Frankfurt/M. und Teil des Zero-Covid-Teams.