Wenn die Krankheit bleibt

Bislang völlig unterschätzt: die Langzeit-Folgen von LongCovid

Verena Kreilinger

Die Corona-Politik vieler Regierungen setzt darauf, dass Covid-19 für junge Menschen kaum Konsequenzen hat. Doch Langzeitfolgen sind auch für sie ein Thema – selbst nach mildem Verlauf.

Bleierne Müdigkeit, Atemprobleme, Muskel- und Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche, aber auch organische Schäden an Herz, Lunge oder Gehirn zählen zum Krankheitsbild von LongCovid. Vieles ist noch unklar, doch immer mehr aussagekräftige Studien zeichnen ein erschreckendes Bild. Forschende der Uni Köln fanden heraus, dass ganze 12,8 Prozent aller Corona-Infizierten, die anfänglich nur milde oder gar keine Symptome hatten, im Zeitraum von vier Monaten LongCovid entwickelten. Von den Betroffenen haben die meisten auch sieben Monate nach der Infektion weiterhin Symptome – ob und wann sich diese zurückbilden, bleibt aufgrund des noch zu kurzen Beobachtungszeitraum offen. Die Erkrankten waren im Durchschnitt nur 43 Jahre alt.

Eine umfangreiche Studie der Uni Oxford, die fast 240.000 Patientinnendaten ausgewertet hat, kam zu dem Ergebnis, dass rund ein Drittel in den ersten sechs Monaten nach einer Corona-Infektion psychische, psychiatrische oder neurologische Folgeerkrankungen, von Depressionen bis zu Schlaganfällen, entwickelten.

Politisch wird diese folgenreiche Gefahr für die Gesundheit der Menschen weitgehend ignoriert. Bereits jetzt kündigen viele Regierungen, darunter die der Schweiz, Österreichs und Italiens, an, dass sie im Mai weitgehende Lockerungen von Gastronomie, Hotellerie, Kulturbetrieb und Handel, Schulen und Großveranstaltungen durchsetzen wollen. Die fortschreitende Impfung macht’s möglich, wird argumentiert. Todeszahlen und schwere, intensivmedizinische Verläufe würden zunehmend seltener werden. Dass das nicht zutreffen muss und die Gefahr von Virusmutationen steigt, ist das eine. Dass hierbei die jüngeren Generationen der Gefahr einer langwierigen Erkrankung, über die weiterhin viel zu wenig bekannt ist, ausgesetzt werden, ist fatal. Noch ist nicht klar, ob, wann und wie LongCovid heilbar ist oder sich zurückbildet.

Bereits heute ist anzunehmen, dass allein in den drei deutschsprachigen Ländern rund 600.000 Menschen an LongCovid leiden. Die Zahl könnte auch deutlich höher sein. Frauen zwischen 20 und 40 Jahren haben ein besonders hohes Risiko, aber auch Kinder sind maßgeblich davon bedroht.

Die Betroffenen sind vielfach nicht mehr in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen. Individuell sind diese Geschichten dramatisch, gesamtgesellschaftlich lassen sich die Auswirkungen erst erahnen. Die soziale Ungleichheit wird sich mit LongCovid weiter verstärken. Arme und Menschen, die in prekären Verhältnissen leben, wurden – aufgrund ihrer Arbeits- oder Wohnsituation – häufiger infiziert. Sie werden auch häufiger von LongCovid betroffen sein.

Die Dimension, die LongCovid auf unsere Gesundheitssysteme haben kann, wird noch völlig unterschätzt. Bereits jetzt ist das Gesundheitswesen kaputtgespart. Das muss sich dringend ändern. LongCovid muss als ernstzunehmende Krankheit anerkannt werden. Es braucht umfangreiche soziale Unterstützungs- und medizinische Therapieangebote, die für alle frei zugänglich sind. Beispielsweise können flächendeckende LongCovid-Gesundheits- und Rehazentren ein erster Schritt sein. Großbritannien, welches bereits in der ersten Welle stark betroffen und folglich viele Langzeit-Erkrankte behandeln muss, plant bereits den Bau von 83 Zentren. Dringend braucht es den Ausbau der psychosozialen Versorgung. Sensibilisierung statt Stigmatisierung ist entscheidend. Die Forschung muss intensiviert werden, sehen sich Medizinerinnen doch mit einem selten so komplexen Krankheitsbild konfrontiert.

Klar ist bereits jetzt: Das Phänomen LongCovid entkräftet das Argument, dass das Coronavirus für junge Leute oder Menschen ohne Vorerkrankung grundsätzlich ungefährlich sei. Nur wer eine Infektion vermeiden kann, erreicht auch von Langzeitfolgen verschont zu bleiben. Dies kann nur gelingen, wenn die Pandemie radikal eingedämmt wird. Es braucht: ZeroCovid.

Verena Kreilinger ist Medienwissenschaftlerin, aktiv in der Klimagerechtigkeitsbewegung und Mitinitiatorin von #ZeroCovid. Sie ist Co-Autorin (mit Winfried Wolf und Christian Zeller) von Corona, Krise, Kapital. Plädoyer für eine solidarische Alternative in den Zeiten der Pandemie (Papyrossa Verlag).

Es geht nicht um das Kindeswohl

Oder: Auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler

Christoph Wälz

Nach der ersten Schulschließung im Frühjahr 2020 gab es einen Konsens: Weder den Schüler:innen noch Eltern und Pädagog:innen wollte man noch mal Distanzunterricht zumuten. Eher sollten andere Wege gefunden werden, das Virus zu bekämpfen.

Der effektive andere Weg – ein Shutdown der Wirtschaft – wurde jedoch nie gewählt. Auch hätte richtig in die Schulen investiert werden müssen. Stattdessen setzten die Kultusminister:innen auf ihre übliche Methode: Die Probleme sollen irgendwie an den Schulen gelöst werden, aber ohne die dafür nötigen finanziellen und personellen Mittel.

Christian Drosten kritisierte im Januar 2021 die monatelange Untätigkeit der Bildungsbehörden: „Ich dachte ja, man diskutiert das und findet dann praktische Lösungen. (…) Aber dann wurde die Infektiosität von Kindern so lange negiert und nichts gemacht, keine Entscheidung getroffen (…) über den Sommer. Das war für mich schon sehr, sehr erstaunlich“. (Spiegel, 21.01.2021)

Im Herbst hielten die Behörden die Schulen so lange wie möglich offen. Wenn das Kindeswohl der Hauptgrund dafür gewesen wäre, hätte man die Hinweise auf Infektionen im Klassenraum ernst genommen. Stattdessen waren Wirtschaftsinteressen ausschlaggebend. Eltern sollen lieber in Büro oder Werkshalle erscheinen, als mit ihren Kindern Mathe zu pauken.

Am 16. Dezember wurden die Schulen dann doch wieder geschlossen. Ausgerechnet in die dritte Welle hinein beschlossen die Ministerpräsident:innen im März die erneute Öffnung für alle Jahrgänge. Die Latte für generellen Distanzunterricht wurde mit dem Inzidenzwert 200 viel zu hoch gehängt. Begründet wurde die Öffnung auch mit dem Kindeswohl. Kinderärzt:innen beobachten einen „starken Anstieg an Angst- und Schlafstörungen, Depressionen und Suizidgedanken unter Kindern und Jugendlichen“. (Berliner Zeitung vom 13. 4.2021) Eine Umfrage, die Berliner Jugendliche im März 2021 unter 7.433 Gleichaltrigen durchführten, zeigt eine ausgeprägte Perspektivlosigkeit, ein Gefühl des Kontrollverlusts im Leben, Erfahrungen häuslicher Gewalt und sehr lange Bildschirmzeiten.

Dieses Leid wird auch von Pädagog:innen beobachtet. Von Wirtschaftsverbänden wird es zynisch instrumentalisiert, um die Betreuungsfunktion von Schulen zu nutzen. Sie verschweigen dabei, dass auch Ängste um die Gesundheit von Angehörigen zu psychischen Problemen von Kindern beitragen.

Um die Schulöffnung abzusichern, kommen zu den bisherigen Maßnahmen (Maskenpflicht, Handhygiene und Lüften, teilweise Wechselunterricht, vereinzelt Luftfilter) nun weitere hinzu. So wird das Personal an Grund- und Förderschulen bei Impfungen vorgezogen. Schüler:innen sollen sich in den Schulen selber testen. Ein sicherer Präsenzbetrieb in der dritten Welle ist auch damit nicht möglich, zumal B.1.1.7 eine höhere Übertragbarkeit in Innenräumen aufweist.

Aus pädagogischer Perspektive ist es nicht vertretbar, die Schulen länger als wenige Wochen geschlossen zu halten. Ein unsicherer Präsenzbetrieb ist jedoch auch fahrlässig. Erkenntnisse über Long-Covid und das PIMS-Syndrom alarmieren. So twitterte Karl Lauterbach am 12.04.: „Über die neuen Gefahren bei B.1.1.7 für Kinder und Eltern wird nicht viel geredet, weil sonst Schule nicht sicher schiene. Wir dürfen das aber nicht verschweigen. Es geht auch um die Sicherheit der Kinder selbst.“

Einen Widerspruch zwischen Gesundheitsschutz und Bildungsgerechtigkeit gibt es nur deshalb, weil der Staat seinen Pflichten für beide Seiten nicht nachkommt. So schafft er eine extrem angespannte Situation in Schulen und Familien. Für einen sicheren Schulbesuch der Kinder (die noch lange nicht geimpft sein werden!) brauchen wir sehr niedrige Fallzahlen. #ZeroCovid hat eine Öffnung der Schulen erst unterhalb der Inzidenz von 10 vorgeschlagen. Wenn das Schuljahr 2021/22 unter berechenbaren Rahmenbedingungen starten soll, dann muss jetzt die Notbremse in den Wirtschaftsbetrieben gezogen werden.

Christoph Wälz lebt in Berlin und ist aktiv in der Bildungsgewerkschaft GEW


Infektionsgefahr bei der Arbeit?

Die Arbeitswelt ist bei COVID-19 ein Hochrisikogebiet. Was also tun? Selbst flächendeckendes Testen und Impfen könnten folgende Vorgaben nicht aufheben. Die Gefährdung ist zu beurteilen und der Gesundheitsschutz nach dem Arbeitsschutzgesetz sicherzustellen. Dabei ist die Rangfolge von technischen, organisatorischen, persönlichen Maßnahmen (TOP-Prinzip) einzuhalten:

1. Der Sicherheitsabstand zwischen Beschäftigten muss mindestens 2 m betragen.

2. Der enge Kontakt von Personen an Beginn und Ende der Arbeitszeit ist durch geeignete organisatorische Maßnahmen zu unterbinden.

3. Entsprechend ist durch versetzte Pausen sicherzustellen, dass der Mindestabstand in Pausenräumen eingehalten wird.

4. In Räumen muss ein effektives Lüftungskonzept umgesetzt werden.

5. Auf sorgfältige und regelmäßige Handhygiene ist zu achten.

6. Ein wirksamer Reinigungsplan für Arbeitsmittel und mit der Hand berührbare Flächen ist umzusetzen.

7. Geeignete persönliche Schutzausrüstung muss zur Verfügung gestellt werden.

8. Es ist zu prüfen, ob zusätzliche Maßnahmen für besonders Schutzbedürftige (z. B. Menschen mit Vorerkrankungen) erforderlich sind.

9. Verständliche Unterweisungen der Beschäftigten zum Infektionsschutz sind durchzuführen.

10. Koordination und Umsetzung der Maßnahmen sowie ihre Wirkungskontrolle sind sicherzustellen.

Zu alldem sind Firmen laut ArbSchG und entsprechenden Arbeitsschutz-Regeln zwingend verpflichtet. Aber auch Betriebsräte und Beschäftigte sind gefordert.Wolfgang Alles