Streiken für Gesundheit

David Wetzel

Als die Pandemie im März 2020 Deutschland erreichte, war das für uns sofort spürbar: Schutzkleidung wurde rationiert. Masken mussten komplette Schichten getragen werden. Kolleg:innen wurden gefragt, ob sie freiwillig auf den Intensivstationen arbeiten. Besorgnis machte sich bei uns Beschäftigten der Berliner Krankenhäuser Charité und Vivantes breit. Also versuchten wir, mit der Berliner Landespolitik einen Corona-Krankenhauspakt auszuhandeln. Nach zwei Terminen mit der Gesundheitssenatorin wurde klar, dass die SPD das Vorhaben versanden lassen wird. 

Ein Jahr später war unsere Reaktion eine vollkommen andere: Statt leerer Appelle traten wir die Berliner Krankenhausbewegung los. Ziel war es, mittels gewerkschaftlicher Organisierung und wenn nötig Streik, Entlastung für alle Beschäftigten durchzusetzen. In unserer Tarifbewegung sollten die Kämpfe der Pflegekräfte für mehr Personal mit der Forderung nach besserer Bezahlung bei den outgesourcten Beschäftigten der Tochterbetriebe von Vivantes verbunden werden.

Wir organisierten uns in elf Krankenhäusern, kämpften zehn Monate lang, streikten mehr als einen Monat und setzten schlussendlich die bis dato besten Entlastungstarifverträge bundesweit durch.

Wie geht das in Covid-Zeiten? Mit der Bewegung für mehr Personal, die bereits 2015 an der Charité begann, hat ein bundesweiter Lernprozess eingesetzt, bei dem wir Beschäftigten uns gegenseitig austauschen und auf die Erfahrungen der Kämpfe an anderen Krankenhäusern aufbauen konnten. Mit dem Betten- und Stationsschließungsstreik steht uns ein enormes Druckmittel zur Verfügung, welches immer eine Notfallversorgung der Patient:innen garantiert, aber auch sehr vielen Kolleg:innen das Streiken ermöglicht.

Damit dieses Druckmittel aber vollumfänglich wirkt, braucht es Mehrheiten, die wir mit Organizing-Methoden und einem klaren Fahrplan gewonnen haben. So konnten wir am Ende mit 2.300 neuen Gewerkschaftsmitgliedern unsere Forderungen durchsetzen. 

Schon vor der Pandemie befand sich die Qualität der Gesundheitsversorgung im Krankenhaus im Abwärtsstrudel. Das ist für uns unvereinbar mit unserem Berufsethos. Aber statt auf Berufsflucht setzen wir auf unsere kollektive Macht. Kämpfen lohnt sich! Deshalb geht es dieses Jahr in den Krankenhäusern in NRW weiter.

David Wetzel ist Gesundheits- und Krankenpfleger, Mitglied der ver.di-Tarifkommission an der Charité und aktiv in der Berliner Krankenhausbewegung.