Das Märchen vom Ende der Pandemie

Verena Kreilinger

Omikron soll nach zwei Jahren Pandemie nun deren Ende einläuten. Einmal noch durch die stürmische Welle, um dann in endemisch ruhigen Gewässern aufzutauchen. So lautet die Erzählung, welche die aktuelle Durchseuchungsstrategie der deutschsprachigen Länder bestimmt. Warum ist das gefährlich?

Unsicherheit über Omikron

Wir wissen schlicht noch zu wenig über Omikron. Klar ist: Die Mutation verbreitet sich rasend schnell. Anstelle vor einer Welle, stehen wir vor einer Wand. Die schiere Masse an erkrankten Menschen, auch der Beschäftigten in kritischen Infrastrukturen, kann dramatischen Auswirkungen haben.

Die Behauptung, Omikron würde zu milderen Verläufen führen, ist nicht ausreichend abgesichert. In Südafrika oder Großbritannien wurden im Vergleich zu anderen Wellen weniger Menschen im Krankenhaus behandelt. In den USA zeigt sich jedoch ein anderes Bild: In Washington, Maryland und Ohio steigen mit den Inzidenzen auch die Hospitalisierungen und die Intensivbettenbelegungen auf Rekordwerte. In New York und Chicago sterben kaum weniger Menschen als im Vergleich zu früheren Wellen. Niedrigere Impfquoten, geringere Immunität aufgrund durchgemachter Erkrankung und eine andere Altersstruktur können dafür verantwortlich sein.

Völlig zurecht äußert Gerry Foitik, Bundesrettungskommandant des Roten Kreuzes und Mitglied im österreichischen Krisenstab, zu dem gefassten Durchseuchungs-Beschluss: „Durchseuchung ist KEINE Strategie. Durchseuchung bedeutet Kapitulation vor dem Virus. Es bedeutet, aus dem Vermeidbaren das Unvermeidbare zu machen. Es bedeutet unkalkulierbares Risiko für uns alle und dass wir Kinder und vulnerable Gruppen zwingen, russisches Roulette zu spielen.“

Gefahr weiterer Mutationen

Je mehr Infektionen, desto größer die Wahrscheinlichkeit von Mutationen. Die gefährlichste Petrischale für Escape-Mutationen sind Länder wie unsere: Extrem hohe Inzidenzen in einer zugleich maßgeblich, aber nicht vollständig, geimpften Bevölkerung. Während sich das Virus in der einen Bevölkerungshälfte wild vermehrt und dabei das Auftreten von kleinen Veränderungen umso wahrscheinlicher wird, kann es in der anderen – immunisierten – Bevölkerungsgruppe austesten, ob ihm diese Veränderungen einen Vorteil verschaffen. Eine schnelle und weltweite Impfkampagne muss von niedrigen Infektionszahlen begleitet sein.

Irrglaube endemisch

Die Hoffnung, dass die Bedrohung durch SARS-Cov-2 ein Ende hat, sobald das Virus endemisch wird, beruht auf etlichen Fehlannahmen.

„Wenn ein Virus endemisch wird, ist es harmlos“. Das stimmt nicht. Auch Masern, Malaria, Typhus und Cholera gelten als endemische Krankheiten. Ihre Gefährlichkeit ist unumstritten. Auch ein endemisches Virus kann jährlich zu vielen Toten führen.

„Endemisches Sars-CoV-2 ist vergleichbar mit Grippe“. Ja und Nein. Auch wenn die Grippe endemisch ist, führen Mutationen immer wieder zu epidemischen Wellen dramatischen Ausmaßes. So hat die Grippewelle im Winter 2017/2018 allein in Deutschland 25.000 Tote und völlig überlastete Krankenhäuser verursacht. Die Infektionssterblichkeit von Sars-CoV-2 ist jedoch um ein Vielfaches höher. Die Vorstellung gleichzeitiger Corona- und Grippewellen ist beunruhigend. Neueste Ergebnisse einer Studie des Hamburger Uniklinikums zeigen, dass selbst milde Krankheitsverläufe Organe wie Lunge, Herz und Nieren mittelfristig schädigen können. Zudem: Jede Corona-Infektion kann – auch wiederholt – zu Long Covid führen. Wer möchte dieses Risiko immer und immer wieder eingehen?

„Ein endemisches Virus ist handhabbar“. Auch das ist falsch. Endemisch bedeutet, dass eine Krankheit immer auf einem ähnlichen Level in einer Gesellschaft zugegen ist. Ob dieses Level gesellschaftlich bewältigbar ist oder nicht, tut hierbei nichts zur Sache. Die Höhe dieses Levels wird nicht allein von den Eigenschaften des Krankheitserregers bestimmt, sondern ist auch Ergebnis eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses: Wie viele Fälle werden akzeptiert? Wir sehen aktuell, dass 400 Corona-Tote täglich in Deutschland ein politisch akzeptabler Wert zu sein scheinen. Weltweit Siebentausend. Die gesellschaftliche Verrohung, die sich hier vollzieht, ist besorgniserregend.

Ob ein endemisches Stadium, also ein „Ende der Pandemie“ oder „Tote ohne Ende“ bedeutet, hängt also auch davon ab, ob es uns als Gesellschaft gelingt, Menschlichkeit und Solidarität gegen die Bestrebungen des Kapitals und der Rechten zu verteidigen.

Verena Kreilinger ist Medienwissenschaftlerin, aktiv in der Klimagerechtigkeitsbewegung und Mitinitiatorin von #ZeroCovid. Sie ist Co-Autorin (mit Winfried Wolf und Christian Zeller) von Corona, Krise, Kapital. Plädoyer für eine solidarische Alternative in den Zeiten der Pandemie (Papyrossa Verlag).


„Durchseuchung wird passieren.“

Long Covid – die Gesundheitskrise, die nicht endet

Verena Kreilinger

Durchseuchung sei zwar ein negativ behaftetes Wording, das Angst mache. „Aber Omikron ist so ansteckend, dass wir nicht daran vorbeikommen.“ So begründet Katharina Reich, die Leiterin der österreichischen gesamtstaatlichen Covid-Krisenkoordination, den Paradigmenwechsel in der Pandemiestrategie. Auch die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli spricht von einer „Monsterwelle, die sich nicht mehr stoppen lässt“. Doch das Positive daran: „Bald dürften wir größtenteils Normalität haben.“

Doch was, wenn diese „Normalität“ für Millionen Menschen nur die Verlängerung einer Krankheit ist, der sie von ihren Regierungen ausgeliefert wurden? Bereits heute warnen Medizinexpertinnen, dass Long Covid eine gigantische öffentliche Gesundheitskrise bedeutet. Diese wird im Schatten der akuten Pandemie von der Öffentlichkeit und Politik viel zu wenig beachtet. Schätzungen zufolge leiden weltweit mehr als 100 Millionen Menschen an dieser langwährenden Form einer Corona-Infektion. Eine Meta-Analyse von Studien durch Forscher der Penn State University (USA) ergab, dass mehr als die Hälfte der 236 Millionen Menschen, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Studie an Covid-19 erkrankt waren – inzwischen sind es 307 Millionen –, Symptome hatten, die länger als sechs Monate andauerten.

Die betroffenen Menschen leiden unter einer Reihe von Krankheitsmerkmalen. Am häufigsten werden intensive Müdigkeit und Atemprobleme genannt. Organe wie Herz und Niere können geschädigt sein, Diabetes und Thrombosen können sich ausbilden. Bei einigen treten kognitive Beeinträchtigungen, oft als „Gehirnnebel“ bezeichnet, auf.

Die Wissenschaftlerinnen befinden sich noch im Anfangsstadium bei der Suche nach den Ursachen und entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten, die den Menschen wieder ihr normales Leben ermöglichen. Etwas, das vielen Betroffenen unmöglich ist. Bereits einfache Tätigkeiten werden zur Belastung, arbeiten zu gehen wird oft undenkbar.

Frauen haben ein besonders hohes Risiko an Long Covid zu erkranken. Doch gerade Frauen sind im Krankenhaus, in der Pflege, in Bildungseinrichtungen häufig großen Viruslasten ausgesetzt. Diejenigen, die unsere Gesellschaft durch die Pandemie tragen müssen, werden besonders gefährdet von einer Krankheit, die einfach nicht weggeht.

Es ist nicht klar, in welchem Ausmaß die Impfung einer Erkrankung an Long Covid vorbeugt. Erste Auswertungen aus Großbritannien schätzen, dass sie das Risiko halbiert, aber nicht beseitigt. Setzen die Regierungen mit Omikron nun auf eine rasche Durchseuchung, nehmen sie ganz bewusst in Kauf, Millionen Menschen – auch Kinder – einer Krankheit auszusetzen, für die es keine ursächlichen Therapien gibt. Ein Skandal im Stillen.

Empfehlung: In der ZDF Doku „Corona ohne Ende?“ informiert Eckart von Hirschhausen über Long Covid und begleitet Menschen bei ihren Versuchen, die Krankheit in den Griff zu bekommen. Verfügbar in der Mediathek: https://www.daserste.de/information/ratgeber-service/hirschhausens-check-up/videos/hirschhausen-corona-ohne-ende-video-102.html


Frauen in der Pandemie – Durchschnittlich hoffnungslos

Das Auf und Ab der Maßnahmen zur gebremsten Durchseuchung plätschert vor sich hin. Zwei Jahre, die geprägt waren von der Verleugnung der menschlichen Schwäche und Verletzlichkeit. Eine Zeit, in der auch die bescheidenen, staatlichen Korrekturen zwischenmenschlicher Verhältnisse an ihre Grenzen kamen: Obdachlosenhilfe, Beratung bei häuslicher Gewalt, Verfolgung von Sexualdelikten usw. Von den Umwälzungen im Wirtschaftsleben, die in der Krise weit offen stehende Tore vorgefunden und vor allem reichen Männern genutzt haben, gar nicht zu reden. Nicht nur Zero Covid warnte vor den Folgen, die diese Politik für Frauen und andere marginalisierte Geschlechter haben würde. Besonders prekär: Die Lage von alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern, solchen mit psychischen Vorerkrankungen und denen, die sich vereinzelt mit ihren Partnern hinter Wohnungstüren wiederfinden. Denn die Klassenfrage ist immer auch eine Geschlechterfrage. Armut und das Los, kein Mann zu sein, sind Faktoren, die sich – ganz im Sinne der in aller Munde liegenden, intersektionalen Betrachtung – in ihrer Verschränkung nicht bloß addieren, sondern etwas qualitativ Neues ergeben. Doch die Durchschnittshoffnungslosigkeit, die das ergibt, ist vereinzelt und auf stumm geschaltet. Wie lassen sich diese Stimmen einfangen und verstärken?

Jeja Klein, freie*r Journalist*in und Autor*in